Henrik Olesen/Tamar Guimarães - Malmö/Lund

Die Zukunft auf Schallplatte

Zum Anlass einer Gruppenausstellung junger Kunst im schwedischen Lund hypnotisert die brasilianische Künstlerin Tamar Guimarães den Kurator und die Museumschefin. Der Däne Henrik Olesen geht in seiner Einzelausstellung im benachbarten Malmö der Geschichte eines schwulen IT-Freaks auf den Grund. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf wirft einen Blick auf die zeitgenösssische Kunst der Öresund-Region

Es ist eine komische Koinzidenz: Kurz bevor der Zug von Kopenhagen gen Malmö und Lund losfährt, kommt eine SMS. "Wikileaks-Gründer Julian Assange festgenommen", vermeldet der Nachrichtendienst der Zeitung "Politiken". Assange wollte den Dingen auf den Grund gehen, die Wahrheit befreien. Mit der Veröffentlichung von abertausenden Dokumenten, die digital gespeichert kaum physischen Platz wegnehmen, meint er der Welt zu dienen.

Geheimnisverrat, schreien die USA, die von seinen Veröffentlichungen am meisten in den Dreck gezogen werden. Doch festgenommen wird der Australier wegen eines möglichen Sexualdelikts. Elektronische Daten und Sexualität, das sind auch die beherrschenden Themen in Henrik Olesens Ausstellung in der Kunsthalle Malmö. Dieser Tage ist es kaum zu vermeiden an Julian Assange zu denken, wenn Olesens Collageserie zum Leben des Briten Alan Turing betrachtet wird. Wie der Australier beschäftigte er sich mit der IT-gestützten Aufdeckung von Militärgeheimnissen, und wie diesem wurde auch ihm die Sexualität zum Verhängnis. Turing dechiffrierte Nachrichten der Deutschen während des zweiten Weltkriegs. Später wurde er wegen Homosexualität verurteilt, hormonbehandelt und nahm sich schließlich das Leben – an Schneewittchen erinnernd mit einem vergifteten Apfel. Das Profil der angebissenen Frucht diente angeblich als Inspiration für das Logo des Computerherstellers Apple.

Gleich hinter dem Eingang zur Olesen-Ausstellung hängen geschätzte zehn Quadratmeter große Plexiglasscheiben von der Decke herunter. Darauf klebt ein Apple Computer, sorgfältig in jedes Einzelteil zerlegt und nach Materialkategorie sortiert. Während es im mechanischen Zeitalter selbst für Laien durchaus noch möglich war, durch Dekonstruktion den Dingen auf den Grund zu gehen, bleibt die elektronische Maschine auf der Suche nach dem Innerstem, das sie zusammenhält, ein Geheimnis. Auf solchen Geräten mögen hunderttausende von Wikileaks-Dokumenten gespeichert sein, obwohl so gefährlich – sichtbar sind sie nicht. Immaterial labour at its best.

Haptik, und auch noch ganz klassische, bietet dagegen Tamar Guimarães' in einem der beiden Werke, die sie in der Kunsthalle im Nachbarort Lund zeigt. Sie hat eine Schallplatte produzieren lassen, jenes Objekt, das zunächst vom digitalen Musikträger CD und dann von den Festplatten in MP3-Spieler und Computer abgelöst wurde, aber nicht nur in Guimarães Kunst, sondern auch in den Clubs ein Revival erlebt. Auf dem Plattenteller in Lund jedoch keine House-Musik, sondern "Framtidens Kultur" – die Kultur der Zukunft. Im Schwedischen wie im Deutschen ist dieser Ausdruck doppeldeutig. Guimarães hat nun die Åsa Nacking, die Chefin der Kunsthalle, und Anders Kreuger, den Kurator, gebeten ihren Gedanken zu dem Begriff freien Lauf zu lassen. Ganz freien, denn die beiden wurden hypnotisiert, ehe sie sich zur Kultur der Zukunft äußern sollten. Auf einer der Schallplatten ist der Hypnotiseur zu hören, auf der anderen sind es die Assoziationen der Hypnotisierten. Leicht betrunken klingend kommen die beiden dann zu Äußerungen wie "Man sollte froh sein, dass die Kultur der Zukunft nicht bekannt ist, sonst wäre es vielleicht keine Kultur" (Kreuger) oder "Wenn man Kultur der Zukunft hört, fragt man sich oft, welches ist meine Rolle" (Nacking). Guimarães gehört zu jenen Künstlern, die so genannte "research based art" machen. Hier also Forschung im Unbewussten.

Ihr anderes in Lund zu sehendes Werk ist der Film "Canoas". In der gleichnamigen Villa, die Oscar Niemeyer für sich in Rio de Janeiro baute, wird eine Party im Stil der fünfziger Jahre abgehalten. Guimarães lud mehr und weniger bekannte Intellektuelle zu einer Party auf der sie bereits einmal Gesagtes paraphrasieren sollten. Parallelen des aufstrebenden Brasiliens vor einem halben Jahrhundert und heute sollen sich so auftun. Getanzt und getrunken wird auch: Spaß, aber auch intellektuelle Diskussion – sollte so nicht jede Party, ja das Leben sein?

Zeitgenösssische Kunst in der Öresund-Region

Austellung mit Tamar Guimarães und Anderen bis 16. Januar 2011 in der Kunsthalle Lund; Ausstellung von Henrik Olesen bis 30. Januar 2011 in der Kunsthalle Malmö
http://www.konsthall.malmo.se/