Shannon Bool - Bremen

Obst statt Opium

Seidenbatik und Poledancing - was die moderne Frau in ihrer Freizeit treibt, beschäftigt die junge Konzeptkünstlerin Shannon Bool. Ergebnisse ihrer Recherchen kann man jetzt in der GAK Bremen sehen. Im umgedrehtem Harem gibt es Ölbatiken statt Ölbädern und Obst statt Opium.

Gemütlich ging es am vergangenen Donnerstagabend in der GAK Bremen zu. Unter dem Motto „Bar Faselliese feiert rein“ luden Janneke de Vries und Shannon Bool zum Künstlergespräch. Bei Sekt und Musik plauderten die Kuratorin und die kanadische Künstlerin darüber, was ein umgekehrter Harem sei, wie man auf die Idee kommt, mit Ölfarbe auf seidenbespannte Keilrahmen zu malen und wie die Tatsache, in der gleichen Stadt wie Pamela Andersen geboren zu sein, sich auf das künstlerische Schaffen auswirken kann.

Auch das Publikum durfte sich an der „Bar Faselliese“ bedienen, eine kommunikative Rauminstallation mit Perlwein und den Früchten, die Eva aus dem Paradies verbannten. Diese Skulptur hatte die Künstlerin gemeinsam mit ihrer Kollegin Alex Müller frei nach dem Motto „Obst statt Opium“ gestaltet. Bool, die in Vancouver Literatur und in New York und Frankfurt am Main Kunst studierte, weiß durchaus auf subtile Art und Weise mit den Wunschvorstellungen männlicher Haremsbesucher und dem Repertoire weiblicher Verführungskünste umzugehen. So entwarfen Künstlerin und Kuratorin gemeinsam ein Raumkonzept, das den Betrachter durch einen öffentlichen, kommunikativen Raum zu einer intimen, abgeschlossenen Fläche führt. Neben der Beleuchtungssituation, die der beschriebenen Atmosphäre angepasst ist, markiert jeweils eine disfunktionalisierte Poledancing-Stange die Zone, die man gerade durchschreitet. Die fragilen Skulpturen („A perpendicular expression of a horizontal desire“ und „Girl, Interrupted“) von etwa fünf Zentimetern Durchmesser sind durch ein Stecksystem aus verschiedenen Metallzylindern in der Höhe variabel und zitieren neben ihrer phallischen Symbolik auch minimalistische Positionen wie Barnett Newmans „Broken Obelisk“, hier als „Broken Pole“ zu sehen.
Diese Mix–und–Match–Technik, die Vermischung von symbolisch Aufgeladenem, Zitaten aus der Film- und Kunstgeschichte und Dingen, mit denen sich die moderne Frau nach Feierabend angeblich die Zeit vertreibt, scheint typisch für Bool, die beispielsweise die erste Poledancing-Stange von einem Versand anforderte, dessen Zielgruppe ambitionierte Hobbytänzerinen sind. Sowie auch das Interesse der Künstlerin sich mit dem Medium Seidenmalerei auseinanderzusetzen, vor allem darin begründet liegt, dass dies eine typische weibliche Freizeitbeschäftigung sein soll. Denn was macht die kanadische Hausfrau wohl, wenn sie nicht gerade mit elegantem Schwung um die Poledancing-Stange das Abendessen für ihre Liebsten anrichtet? Sie versucht in photorealistischer Manier die heimische Flora und Fauna auf die Leinwand zu bannen – oder lässt, statt sich selbst an der Stange, nun ihre Seele baumeln und widmet sich dem Batiken von Seidentüchern.

„Bremsen oder nicht Bremsen“

Doch um zu erkennen, was sich hinter den schrillen Seidentüchern verbirgt, deren Farbauswahl Bool mit den Worten „Bremsen oder nicht Bremsen“ beschreibt, braucht es schon einiges an kunsthistorischem Hintergrundwissen. So ist laut der Künstlerin das Gemälde „Radiator Grill“ von einer Art–Deco–Heizungsabdeckung aus einem New Yorker Hochhaus inspiriert, das Bild „The Thawing Pane“ in Anlehnung an den amerikanischen Maler Jasper Johns entstanden und die konstruktivistische Gestaltung des Hintergrundes der Darstellung „Kali“ einem Gemälde aus dem Film „Swimming Pool“ entlehnt.
Wer denkt, die Tour de Force durch die neuere Kunstgeschichte hätte hier schon ein Ende gefunden, täuscht sich. Denn auch davor, ihre Hand an die besten Stücke noch renommierterer Herren des letzten Jahrhunderts zu legen, scheut die kanadische Künstlerin nicht zurück. Und das wohlgemerkt nicht in dem Sinne, der zu diesen Zeiten wohl nahe lag. In ihren Photogrammen collagiert Bool beispielsweise in der Arbeit „Weiße Tünche, weiße Vorhänge, weiße Angorafelle, silberne Frau“ in die Abbildung des Schlafzimmers, das der Architekt Adolf Loos für seine Frau gestaltet hatte, eine silberne Unbekannte oder verwebt in „The Gate“ Brancusis „Sleeping Muse“ in einen eisernen Vorhang.
Und da Bool sich selber nicht als feministische Künstlerin sieht, sondern dem Betrachter einfach eine weibliche Sicht auf die Dinge anbieten möchte, sei zum Schluss noch eine Arbeit erwähnt, die, wieder ein Spiel mit den Klischees, wohl vor allem den Männern gewidmet ist: „Der betrunkene Pub-Teppich“. Offiziell simpel als „Pub Stair Carpet“ bezeichnet, setzt diese Arbeit einen erfrischenden Kontrast zu den anderen Werken, da die optische Verzerrung des ursprünglichen Musters auch für den Laien schnell identifizierbar ist. Und wer es doch ein bisschen komplizierter mag, sollte sich den „Memling Carpet“ noch einmal genauer anschauen, denn auch dieser ist wieder einem Gemälde (Hans Memling, "Vase of Flowers") entlehnt.

Shannon Bool „The Inverted Harem I“

Bis zum 30. Januar 2011 in der GAK Bremen
http://www.gak-bremen.de/