Bewegte Bilder - Genf

Gefangen in der Geschichtsspirale

Weder die Geschichte selbst noch ihre Bilder, weder die Gesellschaft noch unser Gedächtnis entfalten sich vollkommen geradlinig. Das Centre d'art contemporain in Genf lässt in der Ausstellung "Image – Mouvement" Künstler nach den bewegten Bildern in Vergangenheit und Zukunft forschen. Es siegt einstweilen die Retro-Ästhetik.
Gefangen in der Geschichtsspirale:Bewegte Bilder und Retroästhetik

Jan Peter Hammer: "The Anarchiste Banker" (Ausstellungsansicht), 2010

Bewegte Bilder, die unsere Erinnerung verunsichern, voller Überraschungskraft stecken, rebellisches Potential entfalten, das Überleben von auch amateurhaften Aufnahmen sichern sollen. Hoch gesteckte Ziele wie diese hat sich das Genfer Centre d'art contemporain vorgenommen, als es letzte Woche sein von einem Forum begleitete Ausstellung "Image – Mouvement" eröffnete.

Wer heute im Namen der bildenden Kunst nach einer "beweglichen" Auffrischung alter Bilder und der Erfindung neuer filmischer Realitäten fahndet, arbeitet sich unweigerlich an der Kinogeschichte ab. Auch wenn der Name Jean-Luc Godard im Centre d'art contemporain kein einziges Mal fällt, so schwebt der französische Regisseur mit seinen zuletzt stark collagenartigen Experimentalfilmen doch als graue Eminenz über der Ausstellung. Gerade die in den letzten Jahren vermehrt auftauchenden Ausstellungen zu den bewegten Bildern in der Kunst bauten auf eine intensive Verschränkung mit Kino, Fernsehen und Film.

Das Centre d'art contemporain möchte wieder an eine unterbrochene Tradition in Genf anschließen. Denn hier setzte die von 1997 bis 2007 stattfindende "Biennale de l`Image en Mouvement" bereits auf ein an der zeitgenössischen Videokunst ausgerichtetes Programm. Aus kulturpolitischem Unvermögen der städtischen Verwaltung wurde der weit über die Schweizer Grenzen hinaus beachteten Biennale ein abruptes Ende bereitet, das Geld gestrichen. Die durch das Engagement der Direktorin Katya García-Antón im Centre d'art contemporain nun zum Leben erweckte Themenreihe "Image – Mouvement" will aber bewusst weder den Biennale- noch den Festivalcharakter fortführen. Schließlich gebe es heute schon mehr als genug Event-Getöse im Kulturbereich.

Rund 50 Künstler begeben sich statt dessen theoretisch unterfüttert auf die Bildrecherche nach der Spiralwirkung von Geschichte, Gegenwart, Zukunft. Die meisten werfen allerdings eher einen vergangenheitsbeschwipsten Blick zurück in die Archive, sampeln dokumentarisches und biografisches, Kino- und Fernsehmaterial. Eine Ausnahme bildet die dieses Jahr für den Turner-Prize vorgeschlagene Otolith Group: Sie gaukelt mit gefundenem Bildmaterial der sechziger Jahre bis hin zu digitalen Aufnahmen der Jetztzeit ein fiktionales, schwerkraftloses Dasein vor, wie es in einer internationalen Raumstation des 22. Jahrhunderts zu führen sein würde. Und der Genfer Künstler Ulrich Fischer schaltet seinen urbanen Geschichtserzählungen eine neue Technologie zu. Dass sein persönlich mit dem I-Phone steuerbarer Stadtspaziergang "Walking the Edit" noch nicht ganz ausgereift ist, nimmt man angesichts des Waghalsigen gerne in Kauf.

Sonst ist viel nostalgischer Rebellionsgeist mit im Spiel. Weil sich die Beat Generation gegenwärtig in der Literatur und der Kunst eines Revivals erfreut, widmet man eine ganze Sektion dem zeitweilig ins marokkanische Tanger verschlagenen amerikanischen Literatenkreis um William S. Burroughs. Ein Klassiker ist hingegen bereits jetzt die in diesem Jahr entstandene Videoarbeit von Jan Peter Hammer: Man sieht in einem auf einer Kurzgeschichte von Fernando Pessoa beruhendem Re-Enactment (Neuinszenierung), wie ein Banker im Zwiegespräch mit einem TV-Moderator selbstgewiss seine zynischen neoliberalen Thesen ausbreitet. Bei der nächsten globalen Wirtschaftskrise dürfte der erhellende Film erneut seine Widererkennungsfreuden entfalten. Solche Zukunftsaussichten kann man den vielen in Retro-Ästhetiken befangenen Videos in Genf leider nicht immer bescheinigen.

Ein Dilemma bleibt die althergebrachte Aufbereitung der Videokunst. Zu oft in dunkle Kinokammern eingekastelt, zu oft von schweren Samtvorhängen verschlossen, bleibt die Ausstellung hinter den heute technisch längst möglichen, raffinierteren und raumoffeneren Installationsmöglichkeiten zurück. Das von García-Antón angezettelte "Image Mouvement" befindet sich noch in den Anfängen. Experimentelles macht hier zum Teil auch den Reiz aus. Die Destabilisierung unseres Geschichtsgedächtnisses und damit visuelle Verunsicherung gelingt, je stärker das essayhafte, erzählerische Element in den Vordergrund rückt: Eben bei bei der Otolith Group oder dem von herrlich ironischen Kommentaren unterlegten Schwarzweißfilm von John Smith über das heruntergekommene East-London der siebziger Jahre. Man ertappt sich dabei, wie man wieder und wieder zu Smith' "The Girl Chewing Gum" zurückkehrt. Von wegen Swinging London!

Die dokumentarisch ausgerichteten Filme sind meist dem Diktat gewöhnlicher politischer Korrektheit geschuldet und kreisen um sogenannten postkoloniale Theorien. Ein Hauptakzent liegt auf der Migration und ihren verheerenden Folgen. Was sonst? Nichts Neues also im gut gemeinten, linkspolitischen Salon-Diskurs. Der Flirt mit den bewegten Bildern ist am Centre d'art contemporain als "Never Ending Story" gedacht. Nächstes Jahr wird dem Filmemacher und Schriftsteller Chris Marker eine Ausstellung gewidmet. Und weil Marker Retrospektiven nicht ausstehen kann, will man eine Neukontextualierung seines Werks vorantreiben. "Wir haben jetzt mit dem ersten Akt gestartet, versuchen aber das 'Image – Mouvement' weiter in der Identität der Stadt zu verankern" sagt Direktorin García-Antón. Sie macht immerhin neugierig auf die Fortsetzungsgeschichte.

Atlas - Truths, Details, Intervals and the Afterlives of the Image

Termin: bis 13. Februar 2011 im Centre d’Art Contemporain in Genf
http://www.centre.ch/