Fischli und Weiss - München

Skurrile Balance der Dinge

Sie gehören zu den wichtigsten Figuren der Gegenwartskunst. Seit 30 Jahren versetzt das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss die Illusion von Kunst und Leben in ein gewitztes Austauschverhältnis. Die Münchner Sammlung Goetz hat nun eine beachtliche Überblicksschau zusammengestellt – inszeniert von den beiden leger auftrumpfenden Künstlern selbst

Selbst besseres Wissen führt bei gerissenen Saboteuren der Kunst nicht unbedingt zur Einsicht. Minutenlang lässt einen das von Peter Fischli und David Weiss im Museumssaal angerichtete, ziemlich bekannte Handwerker-Schlammassel nicht los. Zumindest die inmitten der verstaubten, farbgesprenkelten Hinterlassenschaft aufleuchtende NIVEA-Dose muss doch echt sein, das heißt, dem Sortiment eines Drogeriemarkt entstammen. So kobaltblau, so authentisch, so kompakt, wie sie einem aus dem Arrangement an Baumaterialien und Anstreicher-Utensilien entgegen leuchtet.

Dabei weiß doch der einigermaßen bewanderte Ausstellungsbesucher, dass die beiden berühmten Schweizer Künstler Peter Fischli und David Weiss jeden Stummel ihrer simulierten Baustelle aus dem harten Schaumstoff Polyurethan schnitzten und im Anschluss bemalten. Ein Wunder überhaupt, dass noch keine Putzfrau dieser perfekten Bauarbeiter-Camouflage von Skulptur zu Leibe rückte. Fischli und Weiss, die sagenhaften Kunstjongleure aus Zürich, schaffen es wieder und wieder, das schlichte Dasein von alltäglichen Dingen mit (kunst)philosophischer Bedeutung aufzuladen. Die Münchner Sammlung Goetz besitzt mit der 1995 entstandenen Baustellen-Installation eine der wichtigsten Arbeiten des Künstlerduos. Und nicht von ungefähr ist sie gleich eingangs der Überblicksschau platziert. Ein Schlüsselwerk für die zwischen trivialer Wahrheit und höherem Blödsinn schwankenden Projektionen von Fischli und Weiss.

Der Autor Rainald Schumacher resümiert treffend im Katalog: "Die Welt ist langweilig geworden. Peter Fischli und David Weiss streuen daher Salz und Pfeffer in diese große Suppe des visuellen Einerleis. So kann man wieder Geschmack finden am Hinschauen und Nachdenken über unsere Wirklichkeit." Und dass dieser launige Zugriff auf die verschiedentlich austauschbaren Realitäten von Wirklichkeit und Kunst auch nach ihrer mittlerweile 30-jährigen Kollaboration noch glänzend funktioniert, zeigt die Soloschau in der Sammlung Goetz. Ende der siebziger Jahre fanden sich Peter Fischli und David Weiss in der Zürcher Punkszene. Seither sind sie unermüdlich multimedial am Werk, bauen aus zurecht gestutzten Wiener Würstchen und Mortadellascheiben urbane Landschaften, werfen nie zu beantwortende Existenzfragen in Leuchtschrift an die Wand oder überführen Alltagsobjekte zu einer physikalisch ausbalancierten Katastrophe beziehungsweise Kettenreaktion ("Lauf der Dinge", 1986/87). Der retrospektiven Ausstellung in München ist anzusehen, dass sie von den beiden Schweizern selbst inszeniert wurde. Jedes Werk sitzt wie ein pointiert schlechter Witz im Raum und ist doch von einer legeren Souveränität. Phantastisch ist im Untergeschoss vor allem das aufgesockelte Ensemble aus skurrilen Ton-Szenerien und Objektabgüssen in pechschwarzem Gummi.

Ja, und dann wäre noch die mittlerweile legendäre Tierpassion der beiden. Fischli und Weiss schlüpften in den frühen Tagen ihrer Zusammenarbeit für eine gefilmte Fortsetzungsgeschichte in die Tierkostüme von Ratte und Bär, um derart karnevalesk verkleidet ihr künstlerisches Unwesen zu treiben. Spielten sie in Part I die durchsetzungsbereiten Jungkünstler im hollywoodesken Glamourreich von Los Angeles, so stiegen sie in Part II dann zu esoterischen Schweizer Berggefilden auf. In der Sammlung Goetz sind beide Filme präsentiert. Und daneben auch neuere, kaum gesehene Tierobjekte, angefangen von dem wirklich "starken Stück" eines monströs aufgeblasenen Nippesteil mit ruhenden Enten bis hin zu dem abstrakten Hybridgeschöpf eines rundlichen Tiers auf Stumpenbeinen. Wenn man dem weißen Tongeschöpf in das offene Hinterteil guckt, sieht man die Außenwelt gefiltert durch dessen von den Sinnesorganen durchlöcherte Schnauze. So etwas hat man zuletzt vielleicht in Kindertagen mit dem Sparschwein erlebt und sich über die gähnende Leere gewundert. Die Wahrheitssuche von Fischli und Weiss schmerzt manchmal ein bisschen. Insbesondere dann, wenn es um das Schöne und das Lächerliche, das Erhabene und das Hinfällige geht. Als die Sammlerin Ingvild Goetz sie einmal fragte, ob sie sich bei ihrer Arbeit manchmal halb totlachten, fielen die beiden aus allen Wollken: "Wieso? Überhaupt nicht!" Lauthals lachen werden Peter Fischli und David Weiss bei ihrem gemeinschaftlichen Tagewerk vielleicht wirklich nicht, aber sicher süffisant schmunzeln: Zum Beispiel darüber, wie tierisch klein und animalisch groß das Leben mit der Kunst mitunter sein kann.

Peter Fischli, David Weiss

Peter Fischli, David Weiss, Sammlung Goetz, München, bis 12. März 2011
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro


http://www.sammlung-goetz.de