Birgit Jürgenssen - Wien

Mit Ironie und Kampfgeist

Sie ist die große Unbekannte der feministischen Kunst: Birgit Jürgenssen. 250 fragile Werke zeigt nun die erste postume Retrospektive der feministischen Avantgardistin in Wien. Ein wichtiger Schritt zur Wiederentdeckung der poetisch-ironischen Künstlerin

Die rechte Wange der adrett gekleideten jungen Frau ist fest an die Glasscheibe gepresst, der Blick starr wie der eines gefangenen Tieres: "Ich möchte hier raus!" hat sie an das Fenster – oder ist es die Wand eines Terrariums? – geschrieben. Das Schwarzweißfoto stammt von einer der großen Unbekannten der feministischen Kunst: Birgit Jürgenssen. Ihr Werk ist eines der wenigen in dieser kämpferischen Sparte, das auch mit Ironie gesegnet ist. Ein Umstand, der ihr ihrer Meinung nach den Erfolg verwehrte: "Frauen und Ironie ist, so wie Frauen und Humor, nach wie vor ein Tabuthema. Der Preis dafür ist, auf weiten Strecken nicht ernst genommen zu werden", sagte sie.

2003, mit 54 Jahren, ist die Wienerin einer Krebskrankheit erlegen. Ihr ehemaliger Lebensgefährte und Galerist, Hubert Winter, arbeitet seitdem daran, dass sie nicht nur nicht vergessen, sondern auch wiederentdeckt wird. Die Sammlung des österreichischen Energiekonzerns Verbund hilft ihm dabei seit mehreren Jahren wesentlich mit Ankäufen, Ausstellungen, Katalogen. In Kooperation mit dem Kunstforum der Bank Austria läuft jetzt in Wien die erste umfassende Retrospektive seit dem Tod der Künstlerin. Das neu aufkeimende Interesse an Jürgenssen sei Ausdruck einer grundsätzlichen Bewegung, feministische Positionen auszugraben, erklärt Heike Eipeldauer, eine der beiden Kuratorinnen. "Aber nicht nur radikale Positionen, sondern eben auch solche mit subversiverer, stillerer, poetischer Seite."

Gemeinsam mit Gabriele Schor, Leiterin der Verbund-Sammlung, hat sie die 250 Arbeiten aus allen drei Jahrzehnten seit den frühen siebziger Jahren zusammengestellt. Darunter auch nahezu unbekannte Werke wie "Gefangene Fröhlichkeit" (1982), ein Drahtvogelkäfig mit bemaltem Cellophan. Die meisten Exponate stammen aus dem Nachlass und der Verbund-Sammlung, geordnet wurde thematisch. Aber gewisse inhaltliche Stränge ziehen sich durch – etwa das animalische Bild der Frau: Jürgenssen zeichnete mit Buntstiften Hausfrauen als Raubtiere.

Oder der Körper, die Haut als Außengrenze zur Gesellschaft: Jürgenssen ließ sich in ihrem Atelier Bilder oder Sprüche auf den eigenen Körper projizieren. Etwa eine Wirbelsäule auf ihre echte Wirbelsäule. Das wirkt unglaublich zart im Vergleich mit dem Schuhsessel, bei dem die Riemchen der Sandale als Zügel dienen. Außer diesem robustesten ihrer Schuhfetisch-Objekte sind Jürgenssens Medien allerdings fragil: Fotografie, Aquarell, Zeichnung sind bestimmend. Dazu war sie noch Mitglied der Wiener Performance-Gruppe "Die Damen", für die Jürgenssen durch eine gute Freundschaft bedingt sogar Lawrence Weiner als Mitglied gewinnen konnte. Ansonsten hielten sich die internationale Aufmerksamkeit und die Kontakte der Künstlerin in Grenzen. 20 Jahre lang lehrte sie als Assistentin unter anderem von Maria Lassnig, Arnulf Rainer und Peter Kogler an beiden Wiener Kunstakademien. "Die Lehre war ihr wahnsinnig wichtig, da hat sie sich wirklich verausgabt", so Eipeldauer. "Typisch Frau eben."

Birgit Jürgenssen Retrospektive

Der Katalog erscheint im Prestel Verlag und kostet im Museum 29 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro
http://www.bankaustria-kunstforum.at/de/austellungen/aktuell