Die Liebe zur Weis(s)heit - Ein Essay über die Farbe Weiss

Die Liebe zur Weis(s)heit

Weiße Weihnacht aus kunsthistorischer Sicht – ein Essay über den Bart des Weihnachtsmanns, eingeschneite Autos und Madonnenlilien.
Kunst als angewandte Philosophie:Ein eingeschneites Auto als White Cube

Kalt – Kälter – Das Eismeer. Es muss wohl ein eisiger Winter gewesen sein, in dem Caspar David Friedrich 1823 bis 1824 dieses Ölgemälde malte.

Ihr Auto ist mit Schnee und Eis bedeckt und Sie kommen nicht von der Stelle? Ärgerlich, aber als Kunstliebhaber sollten Sie ihrer Fantasie einfach freien Lauf lassen und erkennen, dass dies kein eingeschneites Auto ist, sondern ein White Cube. Wie, das ist ihnen zu abstrakt, das ist genau das, was Sie an moderner Kunst hassen, dass sie aus jedem noch so trivialen Objekt ein geheimnisumwobenes Rätsel macht?

Nun gut, dann beginnen wir mit den Klassikern. Den alten Griechen zum Beispiel, deren antike Tempel, kunstfertige Skulpturen und auch ihre Kleidung im Grunde hauptsächlich weiß waren. Weiß wie der Schnee, weiß wie das Licht und weiß wie die Wolken im Himmel. Alles Dinge, die nicht richtig greifbar sind. Bis auf den Schnee, den Sie vielleicht missmutig gerade vor ihrer Haustür wegschippen, doch dessen kleinen Kristalle, sobald Sie sie anfassen, zwischen ihren Fingern zerschmelzen. Die Farbe Weiß scheint also etwas nicht Greifbares, geradezu Transzendentes zu beschreiben, wie das geheimnisvolle weiße Licht am Ende des Tunnels oder vielleicht auch den weißen Bart des Weihnachtsmanns. Doch bevor wir in diese mythischen Welten abschweifen, kehren wir doch erst noch einmal zu den Tatsachen zurück.

Dass der Farbe Weiß in der Farbenlehre so eine besondere Stellung eingeräumt wird, ist dem Umstand geschuldet, dass sie ebenso wie Grau und Schwarz eine unbunte Farbe ist, die zur Nuancierung anderer Farbtöne unabdingbar ist. Ein weiteres besonderes Merkmal ist, dass die Farbe Weiß den hellsten aller Farbtöne bezeichnet und das Auge ihn nur dann wahrnehmen kann, wenn alle drei Zapfen in der Netzhaut des Auges in gleicher Weise und mit ausreichend hoher Intensität gereizt werden und somit in einer harmonischen Art und Weise ausgelastet sind.

Viele weiße Rohstoffe wie Gips, Kalkstein, Porzellan oder Marmor hatten so seit jeher den Vorteil, dass sie das Spiel aus Licht und Schatten am vollendetsten wiedergaben und somit auch für die farbige Gestaltung von Büsten, die den Menschen möglichst ähnlich sehen sollten, oder Bauten, die den Betrachter durch ihre Farbenpracht beeindrucken konnten, als Grundlage am geeignetsten erschienen. Die Forschung ist sich noch uneins darüber, wie farbenfroh die Antike wirklich war, doch obwohl anzunehmen ist, dass das Weiß oft wieder unter dicken Farbschichten oder dünnen Lasuren verschwand, blieb es trotzdem die unscheinbare Substanz, die das Wesen der Dinge formte und deren formale Klarheit man erst im Klassizismus wieder mehr zu schätzen wusste.

Symbolisch spielte die Farbe Weiß natürlich auch im Mittelalter schon eine große Rolle wie beispielsweise die weiße Madonnenlilie, die für Schönheit und Reinheit stand. Sie wählte auch der Renaissancekünstler Sandro Botticelli als Hintergrundgestaltung für sein Gemälde "Madonna mit acht singenden Engeln". Ein weißes Gewand, das oft darauf hinwies, dass der Träger himmlischer Herkunft sei oder von besonders edlem und reinem Gemüt, trägt auf diesem Bild allerdings nur das Christuskind.

Im allgemeinen Verlauf der Kunstgeschichte blieb die Farbe Weiß, deren Kulturgeschichte in dem Buch "Weiss" von Barbara Oettl zusammengefasst wurde, meist doch nur die unbeachtete Grundierung vieler Leinwände, auf denen mit dunkleren Pigmenten neue fabelhafte Welten erschaffen wurden, die durch ihr Farbenspiel beeindruckten, da dieses den Betrachter schneller mit einem saftigen Grün, leuchtenden Rot oder samtweichen Blau zu begeistern vermochten. Denn wenn man die Farbe Weiß jenseits ihrer Symbolik betrachtet, scheint ihr emotionales Potential eher gering, und sie wird im Allgemeinen eher mit dem Geist assoziiert, was möglicherweise daran liegt, dass eines ihrer herausragendsten Charaktermerkmale die Fähigkeit ist, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren.

Kunst als angewandte Philosophie

Doch was ist überhaupt das Wesen der Dinge? Dies war eine Frage, die die Bildende Kunst wohl vor allem ab dem 20. Jahrhundert interessierte. Besonders radikal behandelte dieses Sujet beispielsweise der Suprematismus, als dessen bedeutendster Vertreter Kasimir Malewitsch bekannt ist. Und nachdem dieser 1915 mit seinem Werk "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" den Grundstein für diese erste vollkommen ungegenständliche und abstrakte Kunstrichtung gelegt hatte, folgte im selben Jahr "Rotes Quadrat" und schließlich 1919 "Weißes Quadrat auf weißem Grund". Das Prinzip, dem die Suprematisten folgten, war, die Darstellungen auf einfachste geometrische Formen zu reduzieren, um sich mit den "höchsten" menschlichen Erkenntnisprinzipien auseinanderzusetzen.

Doch während die Suprematisten diese Frage noch hauptsächlich auf der Leinwand ausfechten wollten, kam der italienische Avantgardekünstler Lucio Fontana 1946 mit seinem "Weißen Manifest" zu dem Schluss, dass es eine Synthese von Malerei, Bildhauerei, Musik und Dichtung geben müsse, um die Welt so, wie sie wirklich sei, zu erfassen und deshalb eine Abkehr von den herkömmlichen Materialien notwendig wäre. Berühmt wurde Fontana durch die ab 1958 entstandenen "Tagli", Leinwände, die er mit Gaze unterlegt hatte und dann mit einer feierlichen Geste zerschnitt und infolge dessen den Bildträger zerstörte, mit der Intention dadurch etwas Neues zu schaffen, das vor allem auf die Vorstellungskraft des Betrachters fokussiert war.

Insofern könnte die Vermutung aufkommen, dass man die Kunst in diesem Kontext vielleicht mehr als angewandte Philosophie interpretieren könnte. Besonders, wenn man sich Robert Ryman zuwendet – er ist wohl der Künstler in der aktuellen Kunstszene, der am entschlossensten allein die Farbe Weiß benutz. Auf die Frage, warum er ausschließlich weißfarbene Arbeiten anfertige, antwortete Rymann "I think many people have done painting in white for specific reasons, to solve a certain problem that they`re working on. (...) But I use the white because it`s neutral – it`s a paint that allows other things to come into focus with the work." Wenn man Rymans Arbeiten betrachtet, scheint es offensichtlich, dass es ihm nur bedingterweise um die Malerei selbst geht. Farbe wird auch bei ihm nicht zur Darstellung von etwas Gegenständlichem, sondern um ihrer selbst Willen in einer materiellen Qualität eingesetzt und dies fast ausschließlich auf einem quadratischen Format. Diese Einschränkungen in der Wahl der Mittel eröffnen ihm auf der anderen Seite jedoch wieder eine ungemeine Bandbreite an Variationen ein und desselben Themas. Das Schwarz, das nicht einmal materiell vorhanden sein muss, sondern sich durch die Dreidimensionalität des Farbauftrags in den Schattenfugen erahnen lässt, sorgt letztendlich auch bei Ryman für die Dynamik bei der Betrachtung der Bilder. Dabei geht es jedoch keinesfalls um augenfällige Effekte, die sofort ersichtlich wären, sondern um eine sensible Gestaltung der Bildoberfläche, bei der der Betrachter auch selbst entscheidet, was er sieht, indem er seine Position vor dem Bild verändert. Bei anderen Gemälden tritt dieser Effekt natürlich ebenso ein, denn der Einfall des Lichts spielt bei der Bildbetrachtung immer eine große Rolle, aber wie Ryman selbst beschrieb, setzt er mit dem Verzicht auf weitere Farben diese Tatsache bewusst ein.

Und wahrscheinlich geht es im Endeffekt genau darum, nämlich die Dinge bewusst wahrzunehmen. Ob Sie dazu die Farbe Weiß brauchen oder nicht, ist natürlich Ihre eigene Entscheidung, aber für Ihre ersten bildhauerischen Experimente mit dieser Farbe scheint das Wetter dieser Tage geradezu perfekt.

Weiss in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Studien zur Kulturgeschichte einer Farbe
von Barbara Oettl
Regensburger Studien zur Kunstgeschichte 5
Verlag Schnell & Steiner GmbH
http://www.schnell-und-steiner.de/

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