Facetten des Expressionismus - Wiesbaden und Darmstadt

Am Anfang war die Farbe

Der Triumphzug der amerikanischen Kunst beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nationalsozialisten haben die Kunst der Moderne verfemt, den Geist vertrieben und die Juden systematisch ermordet; Europa liegt in Trümmern. Innerhalb weniger Jahre verlagert sich das Zentrum der Kunst in die Neue Welt, von Paris nach New York.

Auch deshalb steht am Beginn der Ausstellung „Das Geistige in der Kunst. Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus“ im Museum Wiesbaden ein Dialog der besonderen Art. Hier die auf Farbe und Form reduzierten „Meditationen“ von Alexej von Jawlensky aus den dreißiger Jahren, dort die demselben Prinzip folgenden, 1963 entstandenen „Cantos“ des amerikanischen Künstlers Barnett Newman.

Es ist die Abschiedsausstellung von Volker Rattemeyer, der das Haus seit 1987 geleitet hat, und man kann sie getrost als eine subtile Art betrachten, aus mehr als 20 Jahren Museumsarbeit die Summe zu ziehen. Anhand von über 250 Werken wird eine spannende These verfolgt, der bislang noch nie in einer Ausstellung nachgegangen wurde: War es den Künstlern des Blauen Reiters vor dem Ersten Weltkrieg um eine Kunst zu tun, die, statt etwas abzubilden, das eigene visuelle Erleben sichtbar macht, so findet diese Erweiterung des künstlerischen Ausdrucksvermögens mittels Form und Farbe ihre Fortsetzung in der emphatischen Verschränkung von Expression und Abstraktion, wie sie die „New York School“ ins Werk setzte.
Kurz gesagt: Die New Yorker haben nicht einfach die Idee der modernen Kunst gestohlen, sie haben diese konsequent weiterentwickelt und mit der Konzeption des Bildes als einer Wirklichkeit eigenen Rechts zu neuen Höhen geführt. Es sind Maler wie Newman, Mark Rothko und Morris Louis, die auf Wassily Kandinskys Frage, ob allein aus der Farbe heraus Bilder erschaffen werden können, eigenständige Antworten finden.
Geschickt verknüpft Rattemeyer Themen und Genres über die einzelnen Räume hinweg. Er inszeniert ein Wechselspiel aus Landschaften, Stillleben und Porträts und weitet den Blick vom Blauen Reiter über Alexander Kanoldt, André Derain, Henri Matisse und andere bis zu den kristallin-gotischen Kompositionen Lyonel Feiningers und den Arbeiten Paul Klees und Hans 
Hofmanns. Erst glühen Häuser und Wangen, und es leuchten die Wiesen, dann erlebt man, wie Farbe fließt, die Wahrnehmung besetzt und Kontraste Emotionen wachrufen. So bündelt die Schau einzelne Fäden, um am Ende die Aufmerksamkeit auf jene erweiternde Transformation Kunst, die unter Namen wie „New York School“ oder „Abstrakter Expressionismus“ bekannt geworden ist.
Dabei gibt es zahlreiche Werke zu bestaunen, die zumindest hierzulande noch nie öffentlich gezeigt wurden. Das Netzwerk Rattemeyers hat hier, ebenso wie die konsequente Restitutionspraxis des Hauses, oft an sich Unmögliches möglich gemacht. Dass die Wendungen und ideologischen Debatten der amerikanischen Entwicklung ausgeblendet bleiben, ist schade, tut der Faszination aber keinen Abbruch, der Entwicklung eines Bildes beiwohnen zu können, das als solches die Idee des Schöpferischen darstellt.
Durchwandert man dann noch auf der Darmstädter Mathildenhöhe das Panorama eines „Gesamtkunstwerks Expressionismus“ (art 10/2010) mit all seinen Abgründen und Ekstasen vor gemalten Kulissen, so muss man feststellen: Erst mit diesen beiden Ausstellungen hat das Projekt „Phänomen Expressionismus“ des Kulturfonds Frankfurt RheinMain seinen Höhepunkt erreicht. Mögen monografische Ausstellungen, etwa zu Ernst Ludwig Kirchner, noch so publikumsträchtig sein; Erkenntnisgewinn schaffen solche, die sich ins Offene wagen.

Expressionismus Ausstellungen im Rhein-Main-Gebiet

Das Geistige in der Kunst
Museum Wiesbaden, noch bis 27.2.2011, Katalog: Das Geistige in der Kunst: Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus, 30 €

Gesamtkunstwerk Expressionismus
Mathildenhöhe, Darmstadt, noch bis 13.2.2011, Katalog: Gesamtkunstwerk Expressionismus: Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925, Hatje Cantz, ISBN 3775727124, 58 Euro