Berlin - Paris - Galerienaustausch

„Berlin – Paris“

Dem Galerienaustausch „Berlin – Paris“ eilt ein guter Ruf voraus. Erneut sind vergangenes Wochenende 14 Pariser Galerien bei ihren Berliner Kollegen eingezogen, ehe diese sich im Gegenzug als Gäste an der Seine präsentieren. Doch das Projekt wirkt seltsam ermattet und kann nicht mehr an das Niveau der vergangenen zwei Ausgaben anschließen

„Jamais deux sans trois – aller guten Dinge sind drei“ wurde dem nun zum dritten Mal von der Französischen Botschaft organisierten Austauch zwischen Berliner und Pariser Galerien als Untertitel auf die Fahnen geschrieben. Mit Binsenweisheiten ist es so eine Sache, je bedenkenloser sie ausgegeben werden, desto rascher können sie sich in ihr groteskes Gegenteil verkehren. Um es gleich vorwegzunehmen: Aus dem so ambitioniert gestarteten und letztes Jahr bestechend qualitätvollen Projekt „Berlin – Paris“ ist ziemlich die Luft raus.

Dieser Eindruck entstand am vergangenen Wochenende, als man eine Tour durch die eher mittelprächtig besuchten 14 Stationen machte. Schwer vorstellbar, dass sich das Blatt noch wendet, wenn dann in zwei Wochen die Berliner Galeristen Teile ihres Programms zu den Kollegen nach Paris transferieren.

Einige profilierte Berliner Galerien sind erst gar nicht wieder angetreten, weder Neu noch neugerriemschneider wollten an ihre spektakulären Ausstellungen vom letzten Jahr anknüpfen. Selbst Esther Schipper, die sonst gerne eine Lanze für die Pariser Kunstwelt bricht, fehlt diesmal. Sie laboriert gegenwärtig noch an ihrem Umzug von Mitte ans Schöneberger Ufer in Tiergarten. Die Galerie Johann König lädt Paradis ein und zeigt Juergen Teller. Außerdem sind eine ganze Reihe von Nachwuchsgalerien am Start: Klemm's hat die Galerie Chez Valentin zu Gast, Chert eine durchwachsene Gruppenausstellung von Gaudel de Stampa, PSM vier beachtliche Positionen aus dem Stall von Dohyang Lee. Letztere überzeugt vor allem durch die junge Bildhauerin Chloé Dugit-Gros, deren Skulpturen wie gestrandete Jollen der Minimal Art parallel Boden und Wand besetzen (4000 bis 5000 Euro).

Kommen wir zu den wenigen Highlights, die selbst einer Messe wie der Art Basel zur Zierde gereichen würden: Mehdi Chouakri, bislang auch ein starker Promoter des deutsch-französischen Austausches, glänzt in seiner Galerie mit einer pointierten Gestaltungsidee. Auf Wandmalereien von John M Armleder, Sylvie Fleury, Mathieu Mercier und Gerwald Rockenschaub sitzen (Papier-)Arbeiten aus der Pariser Traditionsgalerie 1900-2000 wie seltene Schmetterlinge, darunter Werke von Picabia und Natalia Gontscharova. Neckischer als in dem Plüschfell von Fleury könnten die infantilisierten Bilder von Dubuffet (85 000 bis 110 000 Euro) gar nicht gebettet sein. „Für dieses Jahr haben wir uns entschieden, die Karten zu mischen,“ sagt Chouakri. Ähnlich inszenierungsstark ist auch der durch Natalie Serroussi ermöglichte Auftritt von Kurt Schwitters und Jean Arp in der Galerie Isabella Bortolozzi. Das kostbar gealterte Prachtstück, ein collagiertes Schwitters-Relief von 1937 zum stolzen Preis von 642 000.- Euro, wirkt durch die holzvertäfelte Beletage zusätzlich veredelt. In Paris wird sich Bortolozzi dann mit ihrer Künstlerin Susan Philipsz revanchieren.

Barbara Thumm, zum ersten Mal an dem Austausch beteiligt, bietet neben den konzeptuellen Fotografien von Patrick Tosani auch ein wohnzimmertaugliches Auflagenobjekt mit Silbermünzen von Gary Hill an (17 500 Euro). „Ich konnte auch schon etwas verkaufen, schätze aber vor allem das Freundliche und Angenehme dieses Projekts“, gesteht die Galeristin. Nun ja, ein wenig ist „Berlin – Paris“ allerdings zur Entdecker-Schnitzeljagd mutiert. Und genau das war nicht unbedingt der Sinn des ursprünglich auf eine gewisse kunsthändlerische Potenz setzenden Wahlverwandtschaften. Ein Newcomer ist der Philippe-Parreno-Schüler Bertrand Planes, der von New Galerie zu Ben Kaufmann entsandt wurde. Seine von Discokugeln und Flohmarktsmobiliar abgeleiteten Lichtprojektionen beziehen ihre Melancholie aus der vollkommen wächsernen Simulation von Realismus. Erst seit Oktober betreibt Florent Tosin, ehemals Carlier Gebauer, in einem Hinterhof des ehemaligen „Tagesspiegel“-Gebäudes an der Potsdamer Straße seine Galerie. Er hat drei qualitativ völlig disparate Künstler der Galerie Michel Rein versammelt, aus der kuriosen Zusammenstellung setzt sich der deutsche Künstler Michael Riedel souverän ab, bedient in einer Wandinstallation (35 000 Euro) eine ganze Klaviatur von Reproduktionstechniken in Schwarz-Weiß.

Enormer kommerzieller Erfolg war dem Wechselspiel der Galerien bereits in den ersten beiden Runden nicht beschieden. „Paris-Berlin“ ist eher eine Nelke im Knopfloch der Szene als ein verkleinerte und nuancierte Ausgabe des Gallery Weekend. Wenn jetzt aber auch noch die zuvor zahlreich angereisten französischen Sammler ausbleiben, kommt das vom Kunsthandel weitgehend selbst finanzierte Projekt in eine Schieflage. Fakt ist: Keiner der letztes Jahr noch geballt angereisten Freundeskreise aus den Pariser Museen wie dem Centre Pompidou ließ sich dieses Jahr nach Berlin locken. Überhaupt ist mehr als zweifelhaft, ob es eine erneute Auflage von „Berlin – Paris“ geben wird, nachdem die Initiatoren, der kunstaffine französische Botschafter Bernard de Montferrand und Cédric Aurelle vom "Bureau des Arts Plastiques", 2011 ihre Berliner Posten verlassen. Große Zukunftsaussichten für eine Fortsetzung bestehen jedenfalls nach dieser matten Ausgabe nicht. Vielleicht war es ohnehin nie die beste Idee, den organisatorisch aufwändigen Austausch zwischen den Galerieszenen an der Spree und an der Seine alljährlich durchführen zu wollen. Um es in der Sprache des Croupiers zu sagen: „Les jeux sont faits“ – das Spiel ist aus. Bis auf weiteres zumindest.

Die Ausstellungstermine sind von den Galerien individuell angesetzt

http://www.berlin-paris.fr/