Faszination Kirchner - In Darmstadt

Vom Schwarzweiss zum Farbenrausch

Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis 1938) hat viel fotografiert und diese Fotos als Vorlagen für seine Malerei benutzt. Eine spannende Entdeckungsreise durch eine unbekannte Seite des Künstlers in der Kunsthalle Darmstadt

Etwas steif stehen die Schwestern Margareth, Dorothe und Elsbeth Rüesch da und blicken unter ihren Kapotthüten in die Kameralinse. Die Damen links und rechts außen lächeln verhalten, die in der Mitte schaut eher grantig drein. Ernst Ludwig Kirchner, der dieses Familienfoto 1925/26 als Vorlage für das Bild "Die drei alten Frauen" benutzte, hat die unterschiedlichen Stimmungen der drei festgehalten – die Mundwinkel der mittleren Frau etwa sind mürrisch nach unten gezogen.

Was auf dem Foto in etwas verschwommenem Schwarzweiß erscheint, hat Kirchner im Ölbild in eine Sinfonie aus kräftigen Blau- und Grüntönen verwandelt. In den Gesichtern der Frauen, in Falten und Vertiefungen, stehen blaue Schatten und violette Höhungen nebeneinander.

Ernst Ludwig Kirchner hatte viel fotografiert. Zum einen dokumentarisch, um etwa Ausstellungen der "Brücke"-Künstler für die Nachwelt festzuhalten oder Blicke ins eigene Atelier zu gewähren, zum zweiten dienten ihm Fotos von Freunden und Bekannten und Selbstporträts als Vorlagen für Bilder. Die Ausstellung "Faszination Kirchner" in der Kunsthalle Darmstadt hat Kirchners Umgang mit dem damals noch recht neuen Medium Fotografie thematisiert. Sie ist Teil des Gesamtprojekts "Phänomen Expressionismus", in dem Kunst- und Kulturinstitutionen in der Rhein-Main-Region noch bis Februar 2012 vorführen, wie facettenreich das expressionistische Kunstschaffen war.

Es ist spannend zu sehen, wie Kirchner die technisch nicht immer perfekten Fotografien in Malerei umgesetzt hat. Das Ehepaar Julius und Elisabeth Hembus taucht öfter auf, etwa in einem Doppelporträt oder in einer sehr intimen Szene: Sie sitzt nackt auf dem Schoß ihres Mannes, der vollständig bekleidet ist – Edouard Manet hatte über 60 Jahre zuvor in seinem „Frühstück im Grünen“ eine ähnliche Situation gemalt. In Kirchners Gemälde ist das Paar mit einer sinnlich-roten Aura umgeben.

Als einer der ersten Künstler überhaupt habe Kirchner "vielsagende Dialoge und Oppositionen zwischen Malerei und Druckgrafik als klassische Kunstgattungen und der Fotografie" erzeugt, heißt es in der Ausstellungsankündigung. So fotografierte Kirchner etwa seine Modelle neben seinen Skulpturen oder seinen malerischen Porträts. "Kirchner inszeniert so einen vergleichenden Blick zwischen realer 'Vorlage' und fertigem Bild."

Manche Gemälde oder Grafiken sind im Vergleich zum Foto seitenverkehrt abgebildet. Zum einen fertigte Kirchner nach dem Foto – so bei dem "Doppelporträt Ehepaar Hembus" – eine Druckgraphik, in diesem Falle einen Holzschnitt, die natürlich spiegelverkehrt ist. Eine andere Erklärung, die etwa das "Große Liebespaar" betrifft, liefert Peter Joch, Direktor der Kunsthalle Damtstadt: "Kirchner experimentierte oft mit der Fotografie und der fotografischen Entwicklung. Vielleicht hat er aus kompositorischen Gründen schlicht die belichtete transparente Glasplatte herumgedreht und dann nach ihr als Vorlage gearbeitet."

"Faszination Kirchner"

Termin: 25. Januar bis 25. April. Katalog (erscheint im März): 18 Euro
http://www.kunsthalledarmstadt.de/