Modern British Sculpture - London

Durch Diebstahl gelernt

Eine Überblicksschau in der Royal Academy zeigt britische Skulpturen der Moderne – und ihre Vorbilder aus den unterjochten Kolonien des Empire. art verlost fünf Kataloge der Ausstellung.
Gut geklaut:Überblicksschau für britische Skulpturen der Moderne

Elektrisierend: Bill Woodrows "Electric Fire with Yellow Fish", 1981, elektrische Heizung, Emaille, Acryl, 27 x 37 x 19 cm

Der gedrungene Bau aus grauem Naturstein im Hof der Royal Academy sieht aus, als gehöre er wirklich nicht hierher. Als sei er von Riesenhand von seinem eigentlichen Ort auf dem Land in diese städtische Umgebung verpflanzt worden. Und fühle sich hier alles andere als wohl. Die sogenannte "Merz-Scheune" war, nach Hannover und Oslo, 1947 der dritte Versuch von Kurt Schwitters, einen "Merzbau" herzustellen, in einer leer stehenden Scheune im englischen Lake District.

Auch ihn konnte er nicht vollenden, er starb kurz nach Beginn der Arbeit. Der Bau in Eltwerwater ist der einzige erhaltene Merzbau von Schwitters, in London eröffnet nun ein Nachbau die Ausstellung "Modern British Sculpture".

Der Rundgang durch die Schau beginnt in der Rotunda der Akademie. In der Mitte eine Nachbildung des “Zenotaph”, des von Edwn Lutyens 1919 im Regierungsviertel Whitehall errichteten Denkmals für die Gefallenen des Krieges, an den Wänden Fotos von acht überlebensgroßen Statuen, die Jacob Epstein von 1906 bis 1908 für das Hauptquartier der British Medical Association schuf. Kunst im öffentlichen Raum, die Themen Tod und Leben, die Spannung zwischen Figuration und Abstraktion – darum geht es in der Plastik der letzten 100 Jahre, so scheint die Kuratorin Penelope Curtis, die neue Direktorin der Tate Britain, gleich zu Beginn ihrer Schau sagen zu wollen.

Und dann tauchen wir ein in die Welt dieser Plastiker, die "durch Diebstahl lernten", so heißt der nächste Raum. Die im British Museum ausgestellte "primitive" Kunst, oft aus den unterjochten Ländern des Empire geplündert, diente ihnen als Vorbild – Eric Gill meißelte aus Stein Figuren wie aus indischen Tempeln, Frank Dobsons sitzender Torso geht auf die Kunst der Azteken zurück, Henry Moore begeisterte sich für afrikanische Masken.

Auch Jacob Epstein verinnerlichte die rohe Kraft dieser Kunst. Sein aus Alabaster gehauener “Adam” (1938/39) im nächsten Raum schreitet wuchtig aus, der gewaltige Penis durch die Vorwärtsbewegung zur Seite geworfen. Trotz seiner Virilität hat dieser Adam nichts mit Sex zu tun, wie die Schau suggeriert, sondern mit der Trauer des aus dem Paradies verstoßenen Menschen. Zahm ist dagegen das bildhauerische Establishment: Wie eine Matrone sitzt Queen Victoria auf dem bronzenen "Jubilee Memorial" (1887) von Alfred Gilbert zum 50. Thronjubiläum der Königin. Ihre majestätische Unbeweglichkeit wirkt sogar lähmend auf die trotz ihrer Größe eher filigrane abstrakte Arbeit "Dschingis Khan" (1963) von Philip King. Hier erlaubt sich die Schau das einzige humorvolle Augenzwinkern: Die sitzende Monarchin scheint sich für die beiden neben ihr stehenden Nackten, einen Athleten von Frederic Leighton und einen weiteren Adam von Charles Wheeler, mit ihren klassischen Posen überhaupt nicht zu interessieren. Mit gerunzelter Augenbraue starrt sie direkt auf den Riesenpenis von Epsteins Adam im Nebenraum. Da gibt’s wahrhaftig was zu sehen!

Nach einem Raum voller alter und neuer Keramik, deren Sinn für die Schau nicht so ganz klar wird, dann die beiden dominierenden Figuren der Jahrhundertmitte: Henry Moore und Barbara Hepworth. Beide wurden nach ihren radikalen Anfängen zu Figuren des Establishment, mit öffentlichen Aufträgen: Hepworths "Single Form" (1961/62) vor dem New Yorker Sitz der UNO und Moores "Liegende" (1951) für das Festival of Britain. Und bei beiden ziehen Figuration und Abstraktionen in entgegengesetzte Richtungen. Selbst bei der radikalsten britischen Plastik der Nachkriegszeit ist diese Spannung noch zu spüren: "Early One Morning" (1962) von Anthony Caro verzichtet ganz auf den bis dahin als notwendig angesehenen Sockel und kann mit seinen rot bemalten Farbflächen aus Stahl und Aluminium durchaus auch als kreuzähnliche Figur gesehen werden.

Nach einer etwas zu ausführlich geratenen Beschäftigung mit der Land Art geht es dann zu den Young British Artists. Schon von weitem riecht es nach Verwesung. Damien Hirsts Vitrine "Let’s Eat Outdoors Today" (1991/92) zeigt ein verlassenes Picknick, Hausfliegen laben sich an rohem Fleisch und werden von einem Fliegenvernichter getötet. Hier vor allem zeigt sich, dass eine Übersichtsschau auch ihre Auslassungen klarmachen muss: warum Hirst, aber nicht Anish Kapoor und Antony Gormley? Warum Sarah Lucas mit einer ihrer Raucher-Skulpturen, aber nicht Tracey Emin?

Die Schau entlässt den Besucher mit einem melancholischen Seitenblick. Für "God Is Great" (1991) hat John Latham drei Bücher in eine aufgehängte Glasscheibe eingelassen. Der vor fünf Jahren verstorbene Exzentriker misstraute allen Kategorierungen und Normen, ein trauriger Freigeist. Nach getaner Arbeit möchte man das steinerne Atelier auf dem Hof dann gerne mit anderen Augen betrachten. Doch nein. Noch immer sieht die Merz-Scheune traurig und verlassen aus, noch immer fragt man sich, was das unvollendete Werk eines deutschen Dadaisten in einer Schau mit britischer Plastik verloren hat. Auch die drei Fragen der Kuratorin bleiben unbeantwortet: Was ist britisch? Was modern? Was Skulptur? Stattdessen ist eine neue hinzugekommen: Wo ist Rachel Whiteread?





Das Skulptur-Quiz

Die Redaktion verlost fünf Kataloge der Ausstellung. Beantworten Sie dazu die Frage:



Wo standen die beiden anderen Merzbauten von Schwitters?



Senden Sie uns bis spätestens 31. Januar eine Email mit der richtigen Antwort und der Betreffzeile "Quiz".




Vielen Dank für die rege Teilnahme. Die Gewinner werden per Email benachrichtigt.

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Modern British Sculpture

Royal Academy. 22. Januar bis 7. April 2011. Katalog: 26.95 Pfund.

http://www.royalacademy.org.uk