112 Greene Street - New York

Brutkasten der Unordnung

Eine Ausstellung bei David Zwirner zeigt die Geburtsstunde von Performance Art – in einem Projektraum im bankrotten New York der 70er Jahre. Gordon Matta-Clark, Laurie Anderson und Richard Serra lebten in der Greene Street 112 den Gegenentwurf zum kommerziellen Galerienmodell.
So waren die frühen Jahre:Die Geburt der Performance Art

Frische Kunst: Larry Miller "Carrot Piece", 1970 (2010) Frisch Karotten, 63.5x38.1 cm

Es ist ein New York, das es nicht mehr gibt. Die Galerie von David Zwirner erzählt mit der Ausstellung "112 Greene Street: The Early Years (1970-1974)" die Geschichte des von Künstlern betriebenen Art Space auf der Greene Street von SoHo. Das Gebäude gehörte dem Künstler Jeffrey Lew, der Freunden und Kollegen Anfang der 70er Jahre Erdgeschoss und Keller seines Hauses zum Arbeiten und für Ausstellungen zur Verfügung stellte. Ein offizielles Programm gab es nicht.

Die Künstler kamen und gingen und machten mehr oder weniger, was sie wollten: Sie arbeiteten mit Industriefarben, Metall, Holz, Stoffen und gefundenen Materialien. Installationen entstanden – und waren bald wieder verschwunden. Trisha Brown inszenierte Tanzperformances auf Dächern. Gordon Matta-Clark zog los, um mit einer Motorsäge leer stehende Häuser zu durchlöchern. Alan Saret fertigte zarte Skulpturen aus Maschendrahtzaun. Es war die Geburtsstunde von Performance Art und alternativen Kunsträumen. Die Künstler behandelten die Stadt wie ein gefundenes Objekt, so der Kritiker Holland Cotter.

Die Wirtschaft war Anfang der 70er Jahre am Boden, New York City stand vor der Pleite. Die wenigen Galerien, die es in New York gab, saßen in erster Linie in Midtown und auf der Upper East Side. Künstler hatten die leer stehenden Industriegebäude von SoHo mit ihren Lofts übernommen. In der Greene Street zelebrierten sie ihre künstlerische Freiheit und lebten in den rohen Räumen ihres Workshops den Gegenentwurf zum kommerziellen Galerienmodell. Die Arbeiten, die bei Zwirner zu sehen sind, wie der zum Zerfall verurteilte, gebundene Karottenstrauß von Larry Miller ("Carrot Piece") oder der gemusterte Linoleumboden und das aus Stoffbahnen zusammengenähte Dach von Tina Girouard wurden für die Künstlergemeinde aus der Nachbarschaft gemacht. Mit Kunst verdiente man kein Geld, dafür dienten irgendwelche Nebenjobs.

Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet der 1978 im Alter von 35 Jahren an Krebs verstorbene Gordon Matta-Clark. Seit 1998 wird dessen Nachlass von David Zwirner verwaltet. Gemeinsam mit Alan Saret war Matta-Clark die treibende Kraft in der Greene Street. "Dies war seine Spielwiese, sein Brutkasten. Hier fühlte er sich sicher", so Jessamyn Fiore, die Kuratorin der Ausstellung, die ihre Mutter, Matta-Clarks Witwe Jane Crawford, beim Management des Nachlasses unterstützt. Fiore zeigt Zeichnungen, die Matta-Clark von Bäumen fertigte. Im Neujahr 1971 hatte er einen Kirschbaum im Keller der Greene Street gepflanzt und ihn mit Hilfe von Infrarotlampen dazu gebracht, im Winter Blüten zu tragen. Seine Fotos von mit Graffitis beschmierten U-Bahnwaggons, die er ursprünglich neben die Fenster gehängt hatte, so dass es so aussah, als ob die Subway durch den Kunstraum fuhr, sind ebenso vertreten wie die Tapete mit farbigen Prints von Fotos von Abrisshäusern ("Walls Paper" von 1972), die mit Schwarz-Weiß-Fotos dokumentierten Löcher, die er in die Fußböden von Häusern in der Bronx schnitt oder der "Fresh Air Cart" (1972). Der Frischluft-Karren bestand aus zwei mit einem Sauerstofftank und Sonnenschirm ausgestatteten, aneinander montierten Rollstühlen, die der Künstler durch Downtown Manhattan schob, um die Passtanten mit frischer Luft zu versorgen.

Ein Bruch der Ordnung, ob in der Natur, Architektur oder Gesellschaft, war das Thema von Matta-Clark, der Architektur an der Cornell University und Literatur an der Sorbonne studiert hatte. "Die wilden Hunde, die Junkies und ich benutzten Räume außerhalb der Gesellschaft, um an Lebensproblemen zu arbeiten", hat der Künstler einmal gesagt. 1974, das Jahr, in dem es mit der Idee des Workshops auf der Greene Street langsam zu Ende gehen sollte, stellte er mit Künstlern wie Laurie Anderson, Tina Girouard, Suzanne Harris, Richard Landry und Richard Nonas die fotografischen Fundstücke seiner Anarchitecture-Gruppe zusammen, die sich wöchentlich getroffen hatte, um über die Rolle der Kunst, über Architektur und Sprache in der kapitalistischen Gesellschaft zu diskutieren. Richard Serra drehte mit Teilnehmern wie Kunsthändler Leo Castelli im Keller den Film "Prisoner's Dilemma", in dem es um das grundlegende Problem geht, dass zwei Menschen selbst dann nicht kooperieren, wenn es für beide Seiten am besten wäre.

Die Künstler-Galerie auf der Greene Street war schließlich ebenfalls auf Kooperation angewiesen. Sie brauchte finanzielle Unterstützung von der staatlichen Stiftung National Endowment for the Arts. Aus dem alternativ unregulierten Modell wurde eine durch ein Komitee geleitete Organisation. 1976 stieg Jeffrey Lew aus. Die Kunst-Organisation wechselte nicht viel später in die Spring Street und nannte sich White Columns. In SoHo wurden die Künstler verdrängt, indem erst die Galerien und später die Boutiquen einzogen. White Columns operiert auch heute noch im New Yorker West Village.

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