George Condo - New York

Laut, einsam und wahnsinnig

Das New Museum in New York präsentiert in der Ausstellung "Mental States" Bilder und Skulpturen des Malers George Condo, die zeigen, wie verrückt New York und seine Bewohner wirklich sind. Es ist die erste große Retrospektive für den Künstler.

George Condo produziert Kunst am laufenden Band. Weil er sich nicht anders helfen kann, so Kuratorin Laura Hoptman. Und um ständig neue Arbeiten auf den Markt zu bringen, damit er seinen anspruchsvollen Lebensstil finanzieren kann.

Selbst bei der Masse von Werken sei die Quote an hervorragenden Arbeiten erstaunlich hoch, meint Hoptman, die sich gemeinsam mit dem 1957 geborenen Condo durch das künstlerische Archiv der vergangenen 30 Jahre wühlte. Die Kuratorin arbeitet inzwischen wieder am Museum of Modern Art, mit "George Condo: Mental States" verabschiedet sie sich vom New Museum.

Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen zu der Ausstellung, für die die Hayward Gallery in London die Vorarbeit geleistet hatte und die in reduzierter Version nach Rotterdam, London und schließlich im Februar 2012 in die Schirn-Kunsthalle nach Frankfurt reisen wird. Bereits 1984 hatte Condo seine erste Ausstellung in Deutschland, bei der Galeristin Monika Sprüth in Köln, die ihn heute noch vertritt und zur Eröffnung angereist war. Die Auswahl für seine erste umfassende Soloshow in den USA fiel auf 80 Bilder und einige Skulpturen. Wer die sich über zwei Etagen erstreckende Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Art Seelenreise. Unter den Titeln "Melancholie" und "Manische Gesellschaft" wurden nicht nur Arbeiten gruppiert. In erster Linie scheinen sie Condo selbst zu beschreiben. Schließlich liefern all die imaginären Figuren und Charaktere, die seine Bilder bevölkern das Selbstporträt eines Mannes, der an vielen Fronten zu kämpfen scheint. Und dabei stets Sinn für Humor beweist.

George Condo wurde in New Hampshire geboren. Er studierte Kunstgeschichte und Musik an der University of Massachusetts. Spielte in einer Punk-Rock-Band, gehörte in den achtziger Jahren zum Künstlerkreis im New Yorker East Village. Er war mit Keith Haring und Jean-Michel Basquiat befreundet, lebte eine Zeitlang in Paris, tauschte sich mit Allen Ginsberg aus und arbeitete mit William S. Burroughs. In jüngster Zeit geriet er auf Grund seiner Kollaboration mit dem Rap-Star Kanye West in die Presse, der neben Prominenten wie Designer Marc Jacobs oder Kollegen wie Julian Schnabel und Cecily Brown zum Opening auflief. PR-Profi Kanye West ließ sich von Condo ein provokantes, sex-geladenes Cover für sein neues Album malen und sorgte für Presse in eigener Sache, als sich Läden weigerten, die CD zu verkaufen. Die Rechnung ging auf, das Album landete in den Charts.

Die älteste Arbeit der Ausstellung trägt den Namen "Madonna" und stammt aus Condos Privatbesitz. Das Bild markiert den Anfang seiner künstlerischen Laufbahn, als er 1982 seinen Job als Drucker für Andy Warhol hinwarf, für kurze Zeit von New York nach Los Angeles zog und in der kalifornischen Ferne beschloss, wie seine Kollegen Schnabel und Basquiat figurative Bilder zu malen. Condo nahm sich damals die alten Meister vor und malte seine Version der Madonna. Schon bald sollten seine Hofdamen, Clowns, Nackten und Narren an groteske Cartoons erinnern. Stilistisch bediente er sich bei Meistern wie Pablo Picasso, Diego Velázquez, Arshile Gorky oder Willem de Kooning und bildete mit seinen absurden Arbeiten eine Brücke zwischen Generationen von Künstlern. Gelegentlich taucht ein bekanntes Gesicht wie das von Queen Elizabeth ("The Insane Queen" von 2006) auf. Scharlatan Maurizio Cattelan, der die erste Version der Queen besitzt, hatte Condo zu dem Motiv animiert. Ein Stilmix von 50 Bildern wurde in Anlehnung an eine Ausstellung bei Bruno Bischofberger 1985 in Wien in Form einer großen Porträtwand im New Museum installiert. In der Gruppe sind die Arbeiten um ein Vielfaches stärker als im Alleingang. Condos Ausflüge in die Bildhauerei in Form einer Serie von mit Gold überzogenen Büsten von 2002 sind ebenso bemerkenswert wie bösartig. Neben die Nymphe, den Hirtengott Pan und Perseus setzte er einen Alkoholiker mit Eselsohren.

Im dritten Stock des Museums mühen sich verzweifelte Paare mit ihren Aggressionen beim Sex ab. Jesus ist eine ebenso traurige Gestalt mit fliehendem Kinn wie der Börsenmakler, der mit Winzlingsschädel und heruntergelassener Hose neben seiner Frau steht. Condos Clown ist obdachlos. Sein Priester mit der teuflischen Fratze schreit aus Angst, Horror oder einfach aus Wut. Die Gesellschaft, in der er sich befindet, schwankt zwischen Hysterie und Einsamkeit. Auch bei Condos abstrakten Bildern ist der Kampf mit dem Material, mit den alten Meistern, mit heutigen Werten, mit dem Lärm in der Welt und inneren Dämonen zu spüren. Kuratorin Hoptman hat in den Porträts nicht nur den Künstler selbst entdeckt, sondern ihrer Meinung nach das perfekte Abbild von New York und all den Wahnsinnigen dieser Stadt.

Mental States

George Condo im New Museum, New York

bis zum 8. Mai 2011. Der Katalog "George Condo: Mental States" ist bei Hayward Publishing erschienen, 125 Seiten, 50 Dollar, ISBN 9781853322891

http://www.newmuseum.org/