Giovanni Segantini - Basel

Jenseits des Kitschs

Die Ausstellung rückt den Schweizer Maler Giovanni Segantini (1858 bis 1899) in den Horizont der europäischen Moderne. Sie holt ihn aus der Peinlichkeitsecke und zeigt die existenzielle Kraft seiner Bilder.

Als Segantini auf dem Schafberg verschied, sollen seine letzten Worte "Ich will meine Berge sehen" gewesen sein. Dort, auf 2700 Metern Höhe, hatte ein Kälteeinbruch im Sommer 1899 den Maler überrascht, als er wie so oft im Freien arbeiten wollte, um den Bergen möglichst nahe zu sein. Immer höher hatte es ihn hinaufgetrieben.

Von seinem Geburtsort Arco am Gardasee war er zunächst nach Mailand gezogen, hatte an der Kunstakademie Brera studiert, dann an verschiedenen Orten in der Poebene gelebt, bevor er mit Frau und vier Kindern ins Savognin und zuletzt ins Bergell hinaufgestiegen war. Die Bergwelten, die er nun auf riesigen Bildern entstehen ließ, wurden sein irdisches Paradies.

Das beeindruckte die Zeitgenossen. Segantini war 1889 bei der Weltausstellung in Paris und fehlte bei keiner Secession. Museen standen bei ihm Schlange. Doch dann geriet er unter Kitschverdacht. Kann man einen im Jahrhundert der Moderne ernst nehmen, der von den Bergen schwärmt, in denen doch eher Heidi und der Almöhi leben?

Seit der großen Retrospektive im Kunsthaus Zürich 1990/91 gab es viele Versuche, Segantini aus der Peinlichkeitsecke zu holen. Er wurde in schicke Themenparcours integriert und in einer exquisiten Ausstellung zum 100. Todestag 1999 im Kunstmuseum St. Gallen als einer gewürdigt, der die Welt der Berge in Farbe und Licht auflöste und das Sujet dazu als Vorwand benutzte.

Kurator Guido Magnaguagno geht nun in der Fondation Beyeler den umgekehrten Weg. Er spricht von der eigenen Faszination durch die "Ruhe und das andere Zeitmaß der Berge, das wir in unserer hektischen Welt kaum noch wahrnehmen". Und er sieht gerade in den späten Darstellungen des Gebirges eine existenzielle Kraft und eine Dringlichkeit, wie bei Paul Gauguins Meisterwerk "Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?". Segantini behauptet sich im Kraftfeld der Jahrhundertwende zwischen Paris und Wien.

Ausgehend von Großstadtszenen in Mailand verfolgt die Retrospektive die Entwicklung eines Malers, der bald im Leben der Bauern, in ihrer Verbundenheit mit den Tieren und der Landschaft, eine Position gegen den aufziehenden Materialismus findet. Die Berge werden zum Symbol für Erdgebundenheit und ihre Überwindung.

Dazu kann die Ausstellung mit Leihgaben aufwarten, die nördlich der Alpen noch nie oder nur selten zu sehen waren. Diana Segan­tini, die Urenkelin des Künstlers, hat ihre Beziehungen zur verschwiegenen Sammlerschaft in Italien spielen lassen; Beat Stutzer, Direktor des Bündner Kunstmuseums in Chur und Konservator des Segantini-Museums in St. Moritz, seine Kontakte zu Schweizer Sammlern eingesetzt. Der Ruf der Fondation Beyeler tat ein Übriges. So werden die Besucher zwar Inkunabeln wie das Alpentriptychon nicht sehen, weil die übergroßen Tafeln nicht mehr reisen dürfen. Sie können aber einen frischen, weitgehend unverbrauchten Maler entdecken.

"Segantini"

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, 16. Januar bis 25. April
Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet 56,90 Franken / 39,80 Euro

http://www.fondationbeyeler.ch/

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