Tino Sehgal - Oslo

Being Tino Sehgal

Der in Berlin lebende Ökonom und Künstler Tino Sehgal ist erstmals mit einer Ausstellung in Norwegen angekommen und stellt dort grundsätzliche Fragen zu Mensch und Wirtschaft. „Was ist Fortschritt“ fragen Kinder das Publikum in Oslo.
Fortschritt in Norwegen?:Tino Sehgal erstmals mit einer Ausstellung in Oslo

Von links: Louise Höjer (Sehgals Assistentin), die fragenden Ausstellungsführer Michael Steckmest, Parth Borgen, Haakon Stenmarck, Julian Treider Moe, Johan Nicolai Troye und Tino Sehgal

Eine schwere Pforte in einem monumentalen Bau unweit des Osloer Schlosses eröffnet den Weg in das Universum von Tino Sehgal. Kaum durchschritten und an der Kasse vorbei, kommt ein kleiner Junge angerannt. Er stellt erst sich vor, dann eine Frage und geleitet den Ausstellungsbesucher durch den ersten Raum. "Hva er fremskritt?" – "Was ist Fortschritt?" möchte er wissen. In nicht ganz perfektem Norwegisch definieren wir diesen erst einmal als Bewegungsprozess, der Junge hakt nach. Er möchte Konkreteres hören, gerne auch ein Werturteil hören.
Die letzte Antwort übergibt er dann zusammenfassend an einen vielleicht doppelt so alten, also gerade am Rande der Pubertät stehenden Jungen. Dieser führt die Diskussion fort und geleitet den Besucher immer tiefer in "Kunstnernes Hus", das "Haus der Künstler" in Oslo hinein.

Während des Gesprächs werden nicht nur Gedanken freigelegt, sondern auch Bereiche des Hauses entdeckt, die dem normalen Besucher sonst verschlossen bleiben. Man betritt sozusagen die Backstagearea, oder vielleicht passt in diesem Fall der Vergleich mit der siebeneinhalbten Etage aus jenem berühmten John Malkovich-Film besser. Durch den Keller geht es nach oben, wo ein Mann – geschätzt Ende 30 – behauptet, es gebe keinen besseren Gitarristen als Jimi Hendrix. Darauf aufbauend diskutiert er die Begriffe Tatsachenbehauptung und Meinung, bevor er an einen erneut noch einmal doppelt so alten Führer abgibt.

Ein grauhaariger sympathischer Soziologe, vermutlich in den Siebzigern. Er trägt einen gestreiften Pullover und eine dunkle schlabbrige Hose und würde auch als Künstler-Klischee durchgehen. Er erzählt, wie er aus Bewunderung einige Zeit in der DDR verbrachte. Irgendwann stellte beim Laufen durch die oberste Etage von Kunstnernes Hus die Frage, was Freiheit sei, bevor er seinen Begleiter in diese entlässt.

Tino Sehgals Arbeiten könnten als plakativ bis platt durchgehen, scheinen sie das Klischee vom "künstlerisch sein wollen" doch so sehr zu erfüllen, dass es kaum auszuhalten ist. Doch bei den Besuchern setzen sie eine Dynamik frei, die bei der Betrachtung vieler anderer Kunstwerke vielleicht ausgelöst werden sollte, aber nicht wird. Der Auftritt in Oslo ist Sehgals erste Einzel-Ausstellung in Norwegen, wo er das so eben vom Schweden Mats Stjernstedt übernommene "Kunstnernes Hus" bespielt. Im Falle von Sehgal passt dieser sonst etwas verschroben wirkende Ausdruck „bespielen“ bestens. Denn Sehgal engagiert vor Ort einen Trupp Leute, die sein Werk zur Aufführung bringen. Diese sind dabei mehr als Schauspieler in einem Theaterstück, denn sie funktionieren nur mit Publikum und reagieren auf dessen Reaktionen.

Ausgerechnet in Oslo stellt Sehgal, studierter Tänzer und Ökonom, nun seine Grundsatzfragen zu Mensch und Wirtschaft. Norwegen ist durch Ölvorkommen ein so unglaublich reich gewordenen Land am Rande Europas, dass selbst nur aus zwei gefüllten Champignons bestehende Tapas über 4 Euro kosten; immerhin nur halb so viel wie ein Bier. Nach Meinung mancher Sozialwissenschaftler gibt es hier den letzten verbliebenen Wohlfahrtsstaat. Am Ende zählt das Resultat bei jedem einzelnen Besucher. Wenn Versuche einer Antwort nur in der Ausstellung gegeben werden, ist der Künstler gescheitert. Wenn die Fragen im Kopf der Besucher auch später auf Antwortversuche drängen, dann hat er Erfolg gehabt. Fortschritt eben?

Als Örtlichkeit können wenige Institutionen mit "Kunstnernes Hus" in Oslo konkurrieren. Das Haus ist vergleichsweise groß und liegt mitten im Zentrum der Hauptstadt, direkt am Schlosspark und nur rund 100 Meter vom norwegischen Literaturhaus. Das hat sich binnen weniger Jahre nicht nur als ein Ort etabliert, wo sich Kulturinteressierte und die so genannte Kulturelite gerne zum Essen und Kaffeetrinken treffen, sondern auch als Raum für nationale und internationale Debatten. Bleibt zu hoffen, dass es der neuen Leitung gelingt aus "Kunstnernes Hus" ein entsprechendes Gegenstück zu machen, wo auch öffentliche Kunst-Debatten stattfinden. Der Streit um die internationalen norwegischen Aushängeschilder Munch Museum und Nationalgalerie zeigt, dass es Bedarf gibt. Denn in Oslo ist stark umstritten, ob beide Häuser wirklich wie geplant in Neubauten am Wasser umziehen sollen. Noch wird die Debatte vor allem in den Medien geführt oder in kleinen Zirkeln, ein öffentliches Podium aber fehlt fast vollständig. Es könnte gut sein, dass das an Sehgal geschulte Publikum des „Kunstnernes Hus“ diese Debatte bald an sich nimmt.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de