Teresa Margolles - Kassel

Blut, Schlamm, Scherben - "Frontera" im Fridericianum

Die Künstlerin Teresa Margolles holt die Schrecken des mexikanischen Drogenkriegs in die deutsche Provinz. Damit führt sie nicht nur die Museumspräsentation, sondern auch das Publikum an seine Grenzen.

In Mexiko nehmen seit Jahren die Gewalttaten bei den Kämpfen der Drogenkartelle zu. Anfang dieses Jahres nahm der Konflikt einen traurigen Sprung: Er wurde vom Heidelberger Institut für Konfliktforschung offiziell zu einem neuen Krieg erklärt – der erste in Amerika seit vielen Jahren. Die Auseinandersetzungen haben mittlerweile zehntausende Menschenleben gekostet, allein mehr als 12 000 Personen im letzten Jahr.

Das Ausmaß an Gewalt und gesellschaftlicher Verheerung kann man sich kaum vorstellen. Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles holt jetzt den Krieg ins Fridericianum, sie sprengt Grenzen und macht so das Drama körperlich spürbar.

Das betrifft nicht zuletzt die physischen und psychischen Barrieren des Betrachters, das macht ihre Ausstellungen zum Gegenteil von angenehmem Kunstgenuss. An zentraler Stelle, dem Durchgangsraum, den man dreimal passieren muss, ist die Arbeit "Plancha" (Blech) ausgestellt. Der Raum ist abgedunkelt und etwas dunstig, ein eigenartiger Geruch liegt in der Luft. Die Arbeit besteht aus zehn beheizten Stahlplatten, die in einer Reihe bodennah angebracht sind. Auf sie tropft in regelmäßigem Rhythmus Wasser, mit dem Leichen in mexikanischen Obduktionsräumen gewaschen wurden. Trifft ein Tropfen auf, verdampft er augenblicklich mit lautem Zischen. Man kann den Raum nicht betreten, ohne unwillkürlich Rückstände der Toten einzuatmen. Den Geruch wird so schnell niemand vergessen, der dort war. Die fallenden Tropfen erinnern an die Leben, die der Krieg gekostet hat und die sonst, wie Tropfen auf dem heißen Stein, fast spurlos vergehen, übrig bleibt nur etwas Dreck. "Plancha" holt die Toten in den Ausstellungskontext und verschafft ihnen einen neuen Ort.

Auf Körper- und Ekelgrenzen nimmt die Künstlerin keinerlei Rücksicht. Das Werk dringt ungehindert ins Körperinnere ein und teilt sich mit, indem es sich den Vorbeiflanierenden inkorporiert. Die Wirkung der Kunstwerke basiert wesentlich auf der Authentizität ihrer Materialien. Margolles verwendet Spuren von Gewalttaten, nicht selten die körperlichen Überreste von Toten. Der Besucher des Fridericianums wird mit Blut, Schlamm, Scherben, Körperfett und besagtem Leichenwasser konfrontiert.

In ihrer Radikalität ist Margolles singulär, niemand sonst setzt so heikle Materialien derart aggressiv ein. Es geht hierbei nicht nur um den Tod, sondern auch um Grenzen und ihre gewaltsame Überschreitung. Der Schrecken stellt sich allerdings erst nach und nach ein. Denn die Künstlerin versteht es, brutale Inhalte in ästhetische, minimalistische Formen zu übersetzen. Diese Strategie verfolgt sie schon seit Jahren. Die krude Schockwirkung früher Arbeiten wie „Lengua“ (Zunge, 2000), der präparierten Zunge eines getöteten Junkies, dem sie im Gegenzug ein würdiges Begräbnis finanzierte, ist einer deutlich subtileren Verfahrensweise gewichen. So ließ sie etwa auf der Venedig-Biennale 2009 die Böden des mexikanischen Pavillons mit Leichenwaschwasser wischen.

Die Kasseler Ausstellung beginnt in einem abgedunkelten Kabinett voller glitzerndem Goldschmuck. In die Armreifen, Ringe und Ketten sind Glassplitter eingearbeitet, die Margolles nach Schießereien aufgesammelt hat. Erklärend sind "Ajuste de Cuentas (Abrechnungen)" angebracht, Voruntersuchungsberichte der Staatsanwaltschaft zu den Vorkommnissen. Schönheit und Verbrechen überblenden in den Schmuckstücken zu Souvenirs, kleinen Mahnmalen, die am Körper getragen werden können. Der Körper erscheint als Trägermedium für Erinnerung und als Schauplatz von Konflikten.

Margolles bringt Relikte von Auseinandersetzungen in andere Kontexte, die dadurch transformiert werden. Für die Ausstellung wurden zwei Mauerabschnitte abgetragen und im Fridericianum wiedererrichtet, der eine stammt von einer Grundschule in Ciudad Juaréz, der andere aus Culiacán. Beide sind voller Einschusslöcher, an ihnen sind Menschen gestorben. Im Museum sind sie ihres Kontextes nur scheinbar beraubt, tatsächlich bringen sie ihn mit sich. Den Raum dominierend, sprechen sie von Grenzen, die in Mexiko schon lange nicht mehr sicher sind.

Wie die Maschinengewehre sich diesen Mauern eingeschrieben haben, so schreibt Margolles in die Wände des Museums. "Ya Basta Hijos de Puta" (Genug, ihr Hurensöhne), 2010, ist eine Nachricht, die sie in großen Lettern in den Putz einer der Wände gekratzt hat. Ursprünglich stand dies auf dem Körper einer enthaupteten Frau. Die andere Wandarbeit ist auf den ersten Blick unauffälliger, aber nicht harmloser: "Herida" (Wunde), 2010, besteht aus einem präzisen Schnitt in die Museumswand, der mit Körperfett von Ermordeten ausgefüllt ist. So wie Spuren der Toten in die individuellen Körper der Besucher eingebracht werden, so werden die Botschaften der Gewalt zum Teil des Museums selbst.

Aber man muss die Ausstellung nicht betreten, um von Margolles Kunst belangt zu werden. In einer großen Außeninstallation hat sie die Fenster des ersten Stockwerks mit Tüchern voller Blut und Schlamm verhängt. Ihre Helfer sind an die Schauplätze von Gewaltverbrechen gefahren und haben die ausgetretenen Körperflüssigkeiten mit Tüchern aufgesogen. Diese wurden auf Rahmen gespannt und an der Fassade angebracht. Mit dieser Geste wendet sich die Künstlerin nicht mehr nur an die Museumsbesucher, sie adressiert die gesamte Stadt. Allerdings ist der erwartete Effekt des „blutens“ ausgeblieben, die Tücher sind eher in der Sonne ausgeblichen, so dass der uninformierte Passant sie wohl eher für Holzplatten halten wird.

Dennoch überzeugt die Ausstellung mit einem stringenten Konzept sich steigernder Einschreibungen, dem man sich kaum entziehen kann. Margolles schafft einen künstlichen Raum für Erinnerung, in dem sie die Gewalterfahrung übersetzt und erfahrbar macht.

"Frontera"

Die Ausstellung läuft in Kassel noch bis zum 20. Februar.
Ein Katalog erscheint im Mai 2011. "Frontera" wird vom 27. Mai bis 21. August 2011 im Museion, Bozen, gezeigt.

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