Orientalismus in Europa - München

Im Bann des Orient

Künstler erzählen Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Verwegene Reiter galoppieren durch den heißen Wüstensand, wunderschöne Frauen räkeln sich verführerisch auf üppig dekorierten Kissen, und düstere Palastwachen schauen grimmig unter ihrem Turban hervor – die märchenhaften, farbenprächtigen Bilder in der Ausstellung "Orientalismus in Europa. Von Delacroix bis Kandinsky" erinnern an die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Im 19. Jahrhundert hatte der Vordere Orient die europäischen Künstler in ihren Bann gezogen. Denn mit der Eroberung Ägyptens durch Napoleon 1798/99 begann ein reger Austausch zwischen Ost und West. Orientalische Luxusgüter wie Teppiche, Gewürze, Tabak und Kaffee gehörten bald zum hedonistischen Lebensstil in den westlichen Metropolen. Umgekehrt reisten Künstler – etwa Eugène Delacroix, Jean-Joseph Benjamin Constant und Mariano Fortuny y Marisal – in der Gefolgschaft von europäischen Gesandten oder Kriegsexpeditionen in den Orient.
Neben dramatischen Kampfszenen, Karawanen durch die Sahara und pittoresken Stadtansichten malten die Künstler vor allem Haremsszenen. Die Darstellungen von jungen, nackten Frauen im türkischen Bad oder in kostbar verzierten Gewändern entsprangen aber eher der Fantasie der Künstler, als der Kenntnis des wirklichen Lebens. Denn nur wenige von ihnen konnten einen Blick hinter die Mauern der Sultanspaläste werfen. Aus Mangel an orientalischen Modellen mussten sie auf europäische Frauen ausweichen, die sie folkloristisch ausstaffierten.
Die Schau in der Hypo-Kunsthalle in München ist in Zusammenarbeit mit den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel entstanden. Sie zeigt mit 150 Gemälden und Skulpturen, welche Vorstellungen sich westeuropäische Künstler zur Zeit des Kolonialismus vom Orient gemacht haben. Die Faszination für die fremde Kultur reichte bis in das 20. Jahrhundert. So reisten auch Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, August Macke und Paul Klee nach Tunesien. Vor allem die leuchtenden Farben begeisterten die Künstler der Moderne. "Die Farbe hat mich", schrieb Klee nach seiner Tunesienreise in sein Tagebuch. "Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler."

Orientalismus in Europa. Von Delacroix bis Kandinsky

Die Ausstellung läuft in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München vom 28. Januar bis zum 1. Mai 2011. Weitere Station: Centre de la Vieille Charité, Marseille, 27. Mai bis 28. August 2011. Der Katalog erscheint im Hirmer Verlag und kostet im Museum 29 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro

http://www.hypo-kunsthalle.de/
kontakt@hypo-kunsthalle.de

Mehr zum Thema auf art-magazin.de