Jim Rakete - Leinwandhelden

Der Stand der Dinge

Starfotograf und Rock´n´Roll Manager Jim Rakete fotografierte für das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main seine 100 liebsten Leinwandhelden - und wünscht sich von der deutschen Film- und Fernsehlandschaft mehr Mut. Ein Gespräch über Hollywood, Babelsberg und andere Luxusprobleme. Die Porträtreihe wird im Sommer die Wiedereröffnung des Deutschen Filmmuseums begleiten, zur Berlinale ist sie jetzt schon in der Kunsthalle Koidl in Berlin zu sehen.

Sie zeigen in der privaten Berliner Kunsthalle Koidl ihre 100 Leinwand-Ikonen. Wie ist Ihre intensive Beziehung zum bewegten Bild entstanden?

Ich bin stark vom Kino geprägt, denn Kino war, als ich aufgewachsen bin, eines der stärksten Gemeinschaftserlebnisse. Dazu war die damalige Zeit für das Kino unglaublich produktiv: Das britische Kino befreite sich gerade vom Klassikertum, von dort kamen sehr aufgeregte und hungrige Filme.

Später dann, zu Zeiten der Studentenunruhen, stellte ich fest, dass wir eigentlich stärker vom französischen als vom amerikanischen Kino geprägt waren, von Truffaut, Chabrol, Godard und auch Louis Malle. Doch in diesem Augenblick wachten die Amerikaner auf und erfanden das "New American Cinema" - die damit einen ähnlichen Abschied vollzogen wie wir Deutschen mit dem "Oberhausener Manifest". Dort war ein Vakuum entstanden, die alten Rezepte funktionierten nicht mehr. Genau wie bei uns, wo der Alm-Film nicht mehr funktionierte und sich auf einmal Leute ins Bild schoben, die eine ganz andere Sprache verwendeten - nicht nur optisch, sondern tatsächlich als Sprache. Ob man sich nun "Zur Sache, Schätzchen", "Easy Rider" oder "Außer Atem" ansieht, man stellt an allen Beispielen fest, wie da eine neue Sprache Einzug hält. Und ich spüre, dass wir heute wieder vor einem Umbruch stehen. Eigentlich ist da ja eine großartige Truppe beisammen, aber gemessen an den Talenten, die wir bei Schauspielern, Kameraleuten oder Regisseuren haben, ist es einfach nicht doll genug. Warum machen wir nicht mehr gute Filme? Da leuchten mal Graf oder Tykwer, aber das ist nicht die Regel. Wir müssen wegkommen vom Vorabend-Fernsehquatsch.


Hoffen Sie auf eine Wiederauferstehung von Berlin als Filmstadt von Weltrang?

Die Filmproduktion hat sich von der Vorstellung gelöst, unsere Produktivität an Orte zu knüpfen. Disney verschickt große Datenpakete an Cartoonisten auf der ganzen Welt und so ist es mit vielen Arbeitsvorgängen. Es spielt keine Rolle mehr, wo etwas gedreht wird, selbst in Hollywood werden keine Hollywoodfilme mehr gedreht. Aber natürlich glaube ich, dass Berlin an sich alle Möglichkeiten hätte. Als ich nach den Neunzigern, die ich viel in Hamburg und Los Angeles war, nach Berlin zurückkam, wurde Volker Schlöndorff Boss von Babelsberg. Da war das Pendel noch nicht so sehr in Richtung Vorabend ausgeschlagen, und ich durfte im ehemaligen Trickfilmstudio von Fritz Lang fotografieren. Da hat man das Gefühl: "Fritz was here." Der Mantel der Geschichte. Ich bin ein Verfechter von Orten, einen Raum zu erschließen und zu sagen: "Hier passiert es." Ich habe 1978 in Kreuzberg meine erste Fabriketage gegründet und konnte bis zum Tag der Einweihung nicht sagen, was wir darin machen würden. Aber die richtigen Leute haben angedockt, und schon zur Eröffnung spielte da die Nina Hagen Band. Versehentlich wurden wir dann neben der ganzen Fotografie für zehn Jahre ein Rock´n´Roll Management. Das ist ein interessanter Ausflug gewesen, ist vielleicht ist das auch nicht mehr die Sprache der Gegenwart. Ich erwarte mehr vom Film und von der Literatur. Meine beiden Gebiete, Musik und Fotografie, sind ganz stark beeinträchtigt durchs Netz.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Fotografie vor?

Natürlich suche ich immer nach jungen Kollegen, finde da aber sehr wenig. Wer heute etwas macht, will möglichst schnell Erfolg haben. Fotografie ist so wie Gitarre üben: Bis zu einem bestimmten Stadium kommt man ganz schnell, aber um die entscheidenden zehn Prozent besser zu werden, braucht man Jahre. Erst wenn man alle Mätzchen weg lässt und nicht mehr jeden Satz mit "ich" anfängt, dann fängt man an zu kapieren, dass Fotografie wie alles andere auch durch einen durchgeht. Der eigene Beitrag besteht darin, es zu erkennen und in irgendeiner Form sichtbar zu machen.

Helmut Newton sagte ja, die ersten ersten 10 000 Bilder seien
 die schlechtesten...

Helmut Newton hatte, wie er mir selber mal erzählte, einen wunderbaren Einschnitt in seinem Leben: Er war als Fotograf immer sehr ideenreich und erfolgreich, schon als Werbefotograf in Australien hat er viele gute Sachen gemacht. Dann ereilte ihn als Modefotograf in Paris ein Herzinfarkt, und der hat ihn so auf die Matte geworfen, dass er sein ganzes Leben neu evaluieren musste: Was fängt er mit dem Rest seine Lebens an? Da schlich sich dann bei ihm etwas ein, was mir sehr vertraut ist: die Kompromisslosigkeit, die man nur hat, wenn man ganz alt oder ganz jung ist, dass man nicht auf Platz spielt, sondern auf Sieg.

Wie spielen Sie auf Sieg?

Ich habe jetzt mal ein Jahr lang nur das gemacht, was mich interessiert: Obdachlose fotografiert, die Symphoniker und die Filmleute. Bei den Obdachlosen hatte die Fotografie eine totale kulturelle Funktion: Die stehen den ganzen Tag am Bahnhof und sind teilweise aus Unsicherheit ganz martialisch verkleidet. Dass die sich durchgerungen haben, sich von mir fotografieren zu lassen und gesagt haben: So, dass müssen meine Verwandten nun ertragen, dass ich veröffentlichen lasse, wie es mir geht. Das ist in jeder Hinsicht ein großer Schritt nach vorn. Das ist die Grundlage um darüber diskutieren zu können, welche Treppenstufe man ihnen hinstellen muss, um sie wieder mitzunehmen. Ein unvorstellbares Potential, mitten in unserer Gesellschaft. Und wir hören und sehen sie nicht. Und man kann auch gar nicht sagen, dass sie eine zweite Chance verdient hätten, weil sie nämlich die erste gar nicht bekommen haben. Da lohnt es sich, mal hin zu kucken, was die über uns denken. Das ist ein interessantes Negativ zum Positiv.

Daher war dieses Jahr für mich ein unglaubliches Konvolut: Die wunderbar subventionierten Filmleute, denen in erster Linie eine Substanz und eine Wirklichkeit fehlt. Die Philharmoniker, die ihren gemeinsamen Nenner und ihre Mitte gefunden haben: Sie sind das globalisierteste Unternehmen, das man sich vorstellen kann, und die beste Band der Welt. Und die Obdachlosen, die schütteln den Kopf, weil sie denken, dass wir alle Luxus-Diskussionen führen.

Gibt es eine Erfahrung, die alle drei Projekte verbindet?

Ich weiß, dass das jetzt total komisch klingt, aber ich habe die Möglichkeiten gespürt, die in unserem Land liegen. Ich bin unverdrossen. Ich bin positiv. Wir haben wahnsinnige Möglichkeiten, und jetzt müssen wir wachsen. Es ist, glaube ich, nicht ganz sinnlos, alles einmal an die Wand zu hängen und aus all dem was zu machen - weil es einem im Alltag einfach nicht bewusst ist. Dass irgendetwas "larger than life" sein könnte, spürt man nur noch, wenn man ins Programmkino geht.

Jim Rakete: Stand der Dinge

Porträts für das Deutsche Filmmuseum, Kunsthalle Koidl Berlin
 bis 11. März 2011

Zur Ausstellung im Filmmuseum erscheint im Juni ein neues Buch von Rakete, "Stand der Dinge", bei Schirmer & Mosel, 49,90 Euro
http://www.kunsthalle-koidl.de/