Tilman Hornig - Dresden

Blechlawine im Red Bull-Rausch

„Red nicht so ein Blech!“ - diese Redensart hat der Dresdner Künstler Tilman Hornig, Jahrgang 1979, außer Kraft gesetzt. In seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Gebrüder Lehmann ist Blech in allen Spielarten das Ausdrucksmittel

Ein Autofriedhof? Weit gefehlt. Besonders ins Auge fallen Remakes von Red Bull-Dosen in allen Größen und Verformungsstadien. Sie schmücken nicht nur die Wände, sondern füllen monumental den Boden. Es gibt kaum Pfade, sich dazwischen zu bewegen; unausweichliche Kollisionen führen zu einer lauten Geräuschkulisse aus Blechdosen-Geknatter.

Dauerndes Knattern, Krachen und Schleifen bildete auch den ungewöhnlichen Sound der Eröffnung. Wie Theaterdonner führt dieses Blechgewitter zu einem zusätzlichen Performanceerlebnis. Der Künstler genießt das augenscheinlich und stellte seinen scheppernden Kampf mit einer großen Blechfahne sogar auf Youtube, mit der Anweisung an die Betrachter, das nur recht laut zu hören. Er sieht den aggressiven Akt der Verformung als Teil der Arbeit, denn schließlich reize jede ausgetrunkene Getränkedose, sie zu zerknüllen oder zu zertreten. Ohne große Anstrengung oder Abformarbeit, mit wenigen Moves, so Hornig, könne man mit diesem Material etwas Räumliches schaffen. Auch wenn er das Dosendesign erst liebevoll aufmalt, wird es bald der Zerstörung preisgegeben. Ein Akt der künstlerischen Autoaggression, wenn man so will. Er gönnt sich dieses Erlebnis im Großformat und treibt damit auch ein Symptom der Jugendkultur, nämlich den Genuss von obskuren Kraftdrinks, auf die Spitze.

Hier geht es offenbar neben skulpturalen Gestaltungen auch um ein Ventil für überschüssige Kraft. Und die gibt es im Überfluss. Dafür spricht schon das Klima dieser heillos überfüllten Ausstellung. Statt nämlich bedachtsam Einzelwerke auszuwählen und diese auratisch anzuordnen, ließ er seine gesamte künstlerische Jahresproduktion von 2010 in die Galerieräume transportieren. In Clustern, Bündeln und Stapeln ballen sich nun die Werkgruppen; was vorne steht, bekommt Aufmerksamkeit, den Rest kann man nur ahnen.

Jetzt fühlt sich Hornig gut, wie ein Großproduzent: „Diese Ausstellung ist die absolute Sortierung für mich, so wie andere ihr Desktop aufräumen. Mit dieser Übersicht kann man super in ein neues Jahr starten.“ Konzept ist Konzept.
In dieser Fülle liegt allerdings die Gefahr, sich vom lauten Spektakel die Sicht auf Hornigs Freude am Detail und an seiner handwerklichen Finesse überblenden zu lassen und sein Schaffen à la Blechlawine nur auf anarchistische Ausbrüche zu reduzieren. Hier hilft es, die Werkstattsituation wie einen Parkspaziergang zu begreifen. Im Gestrüpp finden sich allerlei Gewächse und bezaubernde Kontrapunkte. Das betrifft nicht nur ein paar Hinterglascollagen seiner Mutter Beate, die er keck in die Materialschlacht eingeschmuggelt hat. Nicht umsonst nennt sich eine seiner Werkgruppen „Newromanzer“. Dort spielt immer wieder eine wilde Rose die Hauptrolle. Sie wird gemalt, in Beton gegossen, in Plastikflaschen gestopft und neuerdings in Blech geformt. Selbst wenn das zunächst wie Einschusslöcher von Schießübungen im Red Bull-Rausch anmutet, so überraschen diese Motive doch immer wieder durch ihre romantische Zartheit. Warum aber ausgerechnet eine Rose? Darum! sagt Hornig, und weil keine andere Blume Sentiments und Klischees so gut transportiert.

Überhaupt Klischees – hier kennt Tilman Hornig keine Berührungsängste. Denn genauso dominant wie die blaurote Getränkedose, inszeniert er die blaurote US-Fahne. Als gäbe es weder Jasper Johns noch den hartnäckigen visuellen Patriotismus seit 9/11, wird dieses Symbol strapaziert, als Papierflieger, als Hinterglasmalerei und, natürlich, in blankem Alu- und rostigen Stahlblech. Hier spricht der beherzte Schöpfer jedoch nicht von einem Bildersturm, wie zerknüllt die Fahne auch scheinen mag. Ihn fasziniert die Nationalflagge als Skulptur, er will die Leichtigkeit des Textils in Form übersetzen, das Flattern einfrieren und das Knattern im Wind in Blech wiederholen.

Und „Stars and Stripes“ mussten es schon sein, weil kein anderes Nationalemblem weltweit so allgegenwärtig sei. Bei einem New-York-Stipendium im Jahr 2009 wurde ihm das noch klarer. Darum stellte er allen anderen Stereotypen noch seinen selbstentworfenen, grandiosen NEW YORK-Schriftzug an die Seite, der sich wie ein spätes Art-Deco-Ornament ausnimmt. Sehnsüchte, Projektionen, Klischees – Tilman Hornig balanciert sie meisterhaft durch Ironie und Wahrhaftigkeit, durch eigene Zwiespälte und vor allem durch die widersprüchlichsten Materialien und Techniken. Nach dieser opulenten Werk(statt)schau fühle er sich, als würde er auf dem Absprung sitzen und alle Wege seien wieder offen. Darauf einen blauroten Powerdrink!

Tilman Hornig

bis 19. März 2011
http://www.galerie-gebr-lehmann.de/

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