Move - München

Spielplatz für Erwachsene

Nichts für Bewegungsmuffel, aber ein Tanzgenie muss auch niemand sein, um bei "move" im Haus der Kunst zum aktiven Teilnehmer zu werden. Die dort versammelten Werke laden zum Mitmachen ein, lenken die Bewegungen des Besuchers und eröffnen neue Möglichkeiten für das Bewegungstier Mensch

Als versierter Museumsbesucher vergisst man schnell, wie viel Zivilisationsleistung eigentlich in der Fähigkeit steckt, still und andächtig vor Objekten zu verharren, die man keinesfalls berühren darf. Auch der Kulturmensch ist in Wahrheit ein Bewegungstier, das ständig nach haptischen Reizen sucht.

Diesen Eindruck konnte man zumindest in der Ausstellung "Move" gewinnen. Die Übersichtsschau zum Verhältnis zwischen Kunst, Tanz und Choreografie wurde von Chefkuratorin Stephanie Rosenthal für die Londoner Hayward Gallery konzipiert und war dort im vergangenen Herbst ein Publikumsrenner. An manchen Wochenenden balancierten täglich 600 bewegungshungrige Menschen auf wackeligen Holzscheiben von Robert Morris, hangelten sich durch William Forsythes Wald aus 200 Turnringen und schlugen sich in Mike Kelleys "Test Room" in Gorilla-Outfits gelbe Plastikkeulen auf die Köpfe. Jetzt kommt die Ausstellung nach München.

Das Museum als Abenteuerspielplatz für Erwachsene – so ähnlich hatten sich das die Avantgardekünstler der sechziger Jahre tatsächlich gedacht. Natürlich nicht als reine Spaßaktion, sondern weil sie weg wollten vom traditionellen Kunstbegriff. "Ich breche mir lieber den Arm beim Runterfallen von einem Podest, als dass ich eine Stunde in welt-abgewandter Nachdenklichkeit vor einem Matisse verbringe", verkündete Morris 1971. Zu dieser Zeit hatten vor allem in Amerika Künstler wie Allan Kaprow, Robert Rauschenberg oder Trisha Brown choreografierte Handlungsanweisungen als Gestaltungselemente in die bildende Kunst eingeführt: Rauschenberg raste mit Rollschuhen und Fallschirm über die Bühne, Bruce Nauman schritt mit mechanischen Bewegungen ein Quadrat ab. Die Grenze zwischen Tanz, Performance und Skulptur wurde fließend – und der Zuschauer durch die Aufforderung zum Mitmachen selbst zum Teil der Kunst.

"Mich interessiert das Strukturelle, die Art und Weise, wie Künstler Choreografie strategisch in ihre Installationen und Skulpturen einbauen", erklärt Stephanie Rosenthal die Idee zur Ausstellung. Natürlich habe sie wie alle Mädchen auch ein paar Jahre Ballettunterricht gehabt. "Aber das hat mich eigentlich nicht beeinflusst." In München wird ihre "Move"-Schau im Haus der Kunst gezeigt, wo die Kunsthistorikerin vorher als Kuratorin tätig war (weitere Station: K20 Düsseldorf, 19. Juli bis 25. September). Auch dort versammelt sie eine Reihe "historischer" Mitmacharbeiten von Morris, Nauman, Brown, Dan Graham und Lygia Clark. Zudem gibt es zeitgenössische Beispiele für künstlerische Bewegungstherapie, darunter auch ein Werk von Tino Sehgal, "Instead of Allowing Some Thing to Rise up to Your Face Dancing Bruce and Dan and Other Things" (2000), bei dem sich ein Tänzer in Zeitlupentempo über den Museumsboden wälzt. Die kubanische Künstlerin Tania Bruguera plant Museumsrundgänge mit blinden Kunstführern. Und Christian Jankowski fordert die Museumsbesucher auf, Hula-Hoop-Reifen um die Hüften schwingen zu lassen, statt einfach nur still auf Bilder zu starren. Da heißt es: Immer schön locker bleiben.

Move: Kunst und Tanz seit den 60ern

Die Ausstellung ist im Haus der Kunst noch bis zum 8. Mai zu sehen.
Zusätzlich zum ständigen Programm gibt es Tanzperformances und Gespräche.
Der Katalog, "Move. Choreographing You", erscheint in Englisch und kostet 32 Euro
http://www.hausderkunst.de/aktuell/aktuell/move_kunst_und_tanz_seit_den_60ern.php