Christian Marclay - New York

Noch 15 Minuten, Mr. Bond

100 Jahre Filmgeschichte in 24 Stunden. Der Künstler Christian Marclay begeistert das New Yorker Publikum mit einem Film, der einen Tag und eine Nacht dauert

Das Kino besuchen wir, um in andere Welten einzutauchen und um alles um uns herum, auch die Zeit, zu vergessen. Christian Marclays ”The Clock“, eine 24 Stunden umspannende Montage mit Ausschnitten aus Tausenden von Kinofilmen, erreicht genau das Gegenteil.

Selten war man sich der Zeit und der Tatsache, dass sie einem zwischen den Fingern zerrinnt, so bewusst. Marclays meisterhafte Arbeit läuft ein Mal die Woche durchgehend von Freitag Morgen bis zum darauf folgenden Samstag Abend in der Paula Cooper Gallery in New York. Premiere hatte das 24-Stunden-Werk bei White Cube in London. Coopers Galerieräume wurden mit schwarzem Tuch abgehängt und gemütliche Sofas aufgestellt, die vergangene Woche bereits in den Morgenstunden belegt waren. Am Samstag Nachmittag standen die Leute Schlange, um überhaupt einen Stehplatz in dem stockdunklen Vorführraum zu ergattern.

Davon abgesehen, dass "The Clock" ein Fest für Cineasten und auch sonst ein visuelles Vergnügen ist, funktioniert die Komposition obendrein im Takt der Zeit. Altmodische Wecker, digitale Uhren, die goldene Rolex am Arm eines schmierigen Gangsters, die Taschenuhr, die aufgeklappt wird, Uhren am Bahnhof, in der Kirche, in der Schule oder im Turm von Big Ben laufen mehr oder weniger genau in Echtzeit. Wenn James Bond auf einer rüttelnden Foltermaschine liegt, ihm eine kühle Dame "noch 15 Minuten, Mr. Bond" verkündet und der durchgeschüttelte Sean Connery auf die Uhr an der Wand blickt, ist es nicht nur im Film zehn vor eins, sondern auch im wirklichen Leben. Wenn keine Uhr zu sehen ist, dann fragen die Menschen im Film nach der Zeit oder sie sprechen darüber, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Sie vereinbaren Treffen, sie verbringen qualvolle Minuten des Wartens oder sind einfach zu spät dran. Zeit wirkt bei Marclay wie eine finstere Macht, der sich die Menschen unterworfen haben.

Mit Hilfe von sechs Assistenten durchkämmte der Künstler das Archiv der Kinogeschichte. Zwei Jahre arbeitete er an dem Projekt. Streifen der unterschiedlichsten Genres – Krimis, Western, billige Komödien, anspruchsvolle Autorenfilme, Musicals, Kriegs- oder Liebesdramen – stellte er in den Dienst der Zeit und fror mit seiner Komposition die Kino- und Kulturgeschichte von fast 100 Jahren ein. Gekonnt lässt der aus Kalifornien stammende Künstler und Komponist, der in der Schweiz aufwuchs und in New York lebt, die Szenen mit Hilfe von "akustischem Klebstoff", also Sounds und Musik, ineinander fließen. Manchmal überlappen die Dialoge. Die Menschen aus den unterschiedlichen Filmsequenzen scheinen miteinander zu kommunizieren. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie sich an den unterschiedlichsten Orten und in unterschiedlichen Zeiten befinden.

Die Minuten vergehen, tick tack tick, und treiben den Film voran. Mal wird das Verstreichen der Zeit durch eine brennende Zigarette deutlich gemacht, dann drücken sich Menschen an Häuserecken herum, sie fahren Rolltreppe, schlafen, telefonieren oder rennen. Penelope Cruz kämpft, das Handy in der Hand, ungeduldig gegen das Warten an. Ein Priester kämpft im Takt der Wanduhr gegen sein Gewissen. Denzel Washington lässt eine seiner vielen Geliebten in Spike Lees "Mo' Better Blues" wissen, dass er sich jeden Tag ab ein Uhr dem Spiel seiner Trompete widmet. Meryl Streep dagegen lässt zur Mittagszeit die Hüllen fallen, um Sex mit ihrem Exmann zu haben. Peter Sellers, Marilyn Monroe, Laurel und Hardy, Tom Cruise, Woody Allen, sie alle versuchen auf ihre Weise mit ihrer Zeit zu dealen. Mit fortgeschrittener Stunde scheint Marclays Film an Dringlichkeit zuzunehmen. Später am Abend, wenn auffällig viele Paare auf den Couchen in der Galerie Platz nehmen, dominieren die Liebe, Dramen und Sex die Leinwand. Die Zeit bis zum Morgengrauen ist nicht stoppen. In dem 24-Stunden-Zyklus gelingt es den Darstellern nur selten, für einen kurzen Moment die Zeit auszutricksen. So wie Oskar Matzerath, der in "Die Blechtrommel" mit einem schrillen Schrei das Glas der Standuhr zerspringen und die Uhrzeit einfach unkenntlich werden lässt.

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