Hyper Real - Aachen

Hauptsache realistisch

Ausgehend von den fotorealistischen Malereien der siebziger Jahre sind im Ludwig-Forum Arbeiten versammelt, die im mehr oder weniger weit gefassten Sinn diese Tendenzen verkörpern

Schon Ende der sechziger Jahre hatte der Aachener Sammler Peter Ludwig Werke einer neuen Kunstrichtung aus Amerika gesammelt, die in der Alten Welt zunächst bei Kritik und Publikum auf Unverständnis und Spott stieß. Amerikanische Realisten malten simple Dinge wie Straßenkreuzer, Wohnwagen, Neonreklamen oder Schaufensterauslagen so präzise und ohne erkennbare Peinture, dass ihre Werke nicht wie Gemälde wirkten, sondern wie Fotografien des Banalen.

Sie wollten sich "vom Vermächtnis der Abstrakten Expressionisten lösen, die in Künstlerkreisen verschmähte Malerei auferstehen lassen und die Realität neutral widerspiegeln, ohne ins Sentimentale abzugleiten", schrieb art-Autorin Claudia Bodin 2009 in einer Bestandsaufnahme dieser Malerei. Erst 1972 feierte der inzwischen als "Fotorealismus" firmierende Stil auf der Kasseler Documenta 5 Triumphe. Die Künstler lösten einen Realismusboom aus, Begriffe wie "Super Realism", "Radikaler Realismus", "New Realism" oder "Hyper Realism" geisterten seitdem durch die Kunstszene.

Alle diese Tendenzen hat nun eine Ausstellung im Aachener Ludwig-Forum unter dem Begriff "Hyper Real – Kunst und Amerika um 1970" zusammengefasst, mit dem das Forum den 20. Jahrestag seiner Gründung feiert. Die Ausstellung ist der Beginn der ersten gemeinsamen Ausstellungsreihe der Ludwig-Museen in Aachen, Wien und Budapest und speist sich, natürlich, aus der Sammlung des Aachener Schokoladenfabrikanten.

In der Ausstellung ist, ausgehend von den Fotorealisten, alles vertreten, was im Zusammenhang mit realistischer Darstellung steht oder wie es die Wiener "Presse" formulierte: "Vertreter, Vorläufer, Abweichler, Nachfolger". Eine imponierende Künstlerliste ist so zustande gekommen, die alle Themenbereiche – Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie, Konzeptkunst, Nouveau Realisme, Land Art und Architektur – umfasst. Wobei die Künstler keineswegs, wie es der Untertitel der Schau nahe legen könnte, nur aus den USA kommen.

In der Fülle vermischen sich bisweilen die Begriffe: Konrad Klaphecks akribisch gepinselte Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Schreibmaschinen oder Motorräder mutieren auf magische Weise zu Individuen, zu Symbolen für eine bedrohliche Welt – sie sind keinesfalls mit den fotorealistischen Arbeiten etwa von Richard Estes, Don Eddy oder Ralph Goings verwandt.

Schwerpunkte der von Brigitte Franzen, Leiterin des Ludwig-Forum, und der Co-Kuratoriun Anna Sophia Schultz organisierten Ausstellung, die in Teilen von der zuvor in Wien gezeigten Schau abweicht, ist die Rezeption des Fotorealismus auf der Documenta 5 in Kassel, das Themenfeld amerikanische Stadt und Landschaft oder die zeitgleiche Blockbildung in Ost und West – damit soll das Leitthema "Kunst und Amerika um 1970" umrahmt werden.

Das geballte Elend kommt in der Abteilung "Truth Telling" zum Vorschein – Verkehrsunfall von Andy Warhol, Zugunglück von Malcolm Morley oder die Schnapsleichen in der Bowery von Hanson. Und in "Pornografie und Kunst" sind die lebensgroßen Polyester-Akte von John de Andrea, die popbunten, sich lasziv räkelnden Girls von Tom Wesselmann ebenso zu sehen wie die Nackte auf einem Nilpferd von Mel Ramos, aber auch Cindy Sherman im züchtigen Büßergewand. Und ein realistisches Werk darf natürlich nicht fehlen: Peter und Irene Ludwig, fast lebensgroß porträtiert vom französischen Maler Jean Olivier Hucleux.

Hyper Real – Kunst und Amerika um 1970

Termin: 13. März bis 19. Juni; Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 38 Euro
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