Udo Kittelmann - Interview

Voll im Zeitplan

Wie geht es weiter beim Hamburger Bahnhof, wenn Ende des Jahres die Leihfrist der Sammlung Flick ausläuft? Der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, antwortet auf die Fragen von art. Sie lesen hier die ungekürzte Fassung des Interviews aus Ausgabe 3/2011
Nachgefragt:Wie geht es weiter beim Hamburger Bahnhof?

Im Dialog mit der Sammlung: Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, auf einem Presserundgang zur Ausstellung "Die Kunst ist super!", 2009 im Hamburger Bahnhof. Im Hintergrund: "Michael Jackson and Bubbles (Gold)", 1997-1999, von Paul McCarthy

Sie werden im März eine Einzelausstellung mit Richard Long eröffnen, kurz vor dem 90. Geburtstag von Erich Marx. Aus kuratorischer Sicht, warum gerade Long zu diesem Termin?

Udo Kittelmann: Ich halte Richard Long für eine sehr wichtige historische Figur. Er hat über lange, lange Zeit keine Einzelausstellung in einem Museum mehr gehabt hat. Das ist der eine Grund. Der andere ist, dass wir über mehrere Arbeiten von Long in der Sammlung verfügen. Sowohl in der Nationalgalerie, als auch innerhalb der Sammlung von Erich Marx der große Steinkreis „Berlin Circle“. Seit zwei Jahren arbeiten wir verstärkt mit den Sammlungsbeständen. Diesmal ist natürlich das Ziel, Richard Long einer aktuellen Rezeption zu unterziehen. Er wird auch eine neue Arbeit in situ für seine Ausstellung in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ausführen.

Welche Arbeiten von Long werden sie aus der Sammlung der Nationalgalerie zeigen? Der „Berlin Circle“ ist vielen Besuchern sicherlich noch vertraut, welche anderen Arbeiten werden zu sehen sein?

Der Steinkreis ist natürlich auch der willkommene Anlass, um die Ausstellung in den Kontext des 90. Geburtstags von Herrn Marx zu stellen. Dazu werden wir eine Torfarbeit und weitere Steinarbeiten zeigen.

In den letzten Jahren lag die Aufmerksamkeit eher auf großen Wechselausstellungen wie gerade Carsten Höllers „Soma“. Welche Bedeutung hat die Sammlung Marx für den Hamburger Bahnhof?

Ich darf zunächst daran erinnern, dass alle Wechselausstellungen immer im Rahmen von umfangreichen neuen Sammlungspräsentationen begleitet wurden. Und es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Sammlung Marx eine Riesenbedeutung hat. Natürlich wegen ihrer ganz herausragenden Exponate. Diese Sammlung ist einzigartig. Insofern können wir als Museum ihr nur die höchste Priorität einräumen, wie auch jetzt wieder im Rahmen von Richard Long.

Herr Marx hat 2009 sein Klinikunternehmen verkauft und sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen. Sprechen sie mit ihm über die langfristige Zukunft der Sammlung?

Natürlich. Die Sammlungsbestände sind das Wichtigste, was ein Museum hat. Und die Sammlung Marx ist eine tragende Säule der Nationalgalerie.

Der zweite wichtige Termin in diesem Jahr ist das Auslaufen der siebenjährigen Leihfrist für die Sammlung Flick. Was wird mit der Sammlung passieren?

Wir gehen davon aus, dass sich am Status der Leihgabe auch zukünftig nichts verändert.

Läuft der Vertrag automatisch weiter oder muss er erneuert werden?

Da er befristet war, muss er verlängert werden, und davon gehe ich aus.

Was ist ihr Zeitplan für die Gespräche mit Friedrich Christian Flick?

Wir sind voll im Zeitplan. Und dann wird auch wieder ein Anlass gegeben sein, daran zu erinnern, dass Herr Flick vor zwei Jahren eine Schenkung an die Nationalgalerie von unermesslichem künstlerischen Wert gemacht hat.

Haben sich die Erwartungen an die Sammlung Flick erfüllt?

Ich überschaue die gesamte Sammlung und kann da wieder nur im Superlativ sprechen: Es gibt nur ganz wenige Sammlungen weltweit, die über eine solche künstlerische Qualität verfügen.

Wie sieht es mit den Erwartungen an ein neues Publikum für den Hamburger Bahnhof aus?

Ich kann natürlich nur für die letzten zwei Jahre sprechen. Es ist auffallend, wie jung das Publikum ist. Das ist ein Erfolg, der vor allem auf den reichen Sammlungsbeständen basiert. Sonst könnten wir überhaupt nicht Positionen wie Bruce Nauman oder Richard Long ausstellen, beide weitgehend aus den Beständen des eigenen Hauses. Das können nicht viele Museen weltweit.

Die Ausstellung der Sammlung Flick in einem staatlichen Museum war sehr umstritten. Was ist Ihre Bilanz nun zum Auslaufen der Leihfrist?

Ich muss bewerten, was gesammelt wurde, das ist mein hauptsächliches Kriterium. Und dahingehend ist mein Urteil klar: Wenn diese Sammlung nicht der Öffentlichkeit zugänglich wäre, gebe es kein zweites Museum hierzulande, dass diese entstehende Lücke füllen könnte. Und natürlich reflektiert eine Sammlung immer auch deren Sammlungsgeschichte.

Gibt es von ihnen Pläne, die Diskussion rund um die Ausstellung der Sammlung stärker in der Arbeit mit den Besuchern zu thematisieren?

Natürlich, immer wieder aufs Neue. So bieten wir im Hamburger Bahnhof jeden Tag kostenlose Führungen an. Dafür haben wir die Audioguides dort abgeschafft. Denn mit Menschen spricht es sich besser als mit einer technischen Einrichtung, die Fragen und Kommentare nicht diskutieren kann.