Tony Cragg - Paris, Duisburg, Meran

Kunststoff unter filigranem Dach

Der Pariser Louvre zeigt Arbeiten des in Wuppertal lebenden Engländers Tony Cragg, dazu gibt es Ausstellungen im Museum Küppersmühle in Duisburg und im "Kunst Meran/Merano Arte"

Am Anfang sammelte er allen möglichen Krimskrams – zerbrochene Plastikdinge wie Küchengeräte, Kinderspielzeug, Kunststoffbehälter, Flaschen, ausgequetschte Tuben. Um diesen bunten Zivilisationsmüll zusammenzutragen, brauchte Tony Cragg nicht einmal auf Müllkippen zu klettern – den Stoff, aus dem er dann seine riesigen Wandcollagen zusammenpuzzelte, lieferten ihm der Straßenrand, Waldwege oder Parkplätze.

Die Müll-Collagen mäanderten zwischen Skurrilität und Witz und deutlicher Kritik an der Wegwerfgesellschaft. Das war Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Inzwischen ist Cragg, Jahrgang 1949, mit dem "Turner Prize" der Londoner Tate Gallery und dem japanischen "Praemium Imperiale" ausgezeichnet und zum "Star-Bildhauer" avanciert, wie die "Bild"-Zeitung titelte. Und er darf, was vor ihm keiner durfte: seine organisch wuchernden Formen aus glänzendem Kunststoff unter dem filigranen Dach der Pyramide des Louvre ausstellen.

Das Dach von Ieoh Ming Pai krönt den neuen Eingangsbereich des größten Museums der Welt, durch den pro Tag etwa 27 000 Besucher geschleust werden. Craggs "fließende Formen, die wie Sturzbäche, wie eine Verwirrung aus Stalagmiten und Stalaktiten die Volumen richtungslos machen", kommentierte Werner Spies in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", lieferten "einen erregenden Kommentar zur barocken Monumentalskulptur Frankreichs".

Zu einem direkten Meeting zwischen Tony Cragg und einer der ungewöhnlichsten Bildhauer des 19. Jahrhundert kommt ebenfalls im Louvre: Craggs ausdrucksvolle Abstraktionen, vor allem seine anthropomorphen "Profil"-Skulpturen, treffen auf die expressive Radikalität der Charakterstudien von Franz Xaver Messerschmidt (1736 bis 1783). Der österreichische Bildhauer hatte Gemütszustände wie Freude, Trauer, Wut und alle Formen menschlicher Physiognomie in meist heftiger, grotesk übersteigerter Form dargestellt – Kritiker sprachen schon 2008, als "Tony Cragg versus F. X. Messerschmidt" im Wiener Bevedere zu sehen war, vorzugsweise von einem "spannungsreichen Dialog".

Die Pariser Ausstellungen sind nicht die einzigen Soloschauen des Künstlers. Im Museum Küppersmühle in Duisburg wird "Anthony Cragg – Dinge im Kopf" gezeigt, die den Bildhauer selbst noch in Erstaunen versetzt. Cragg: "Es ist für mich selbst sehr spannend, weil es noch nie eine Ausstellung mit Werken aus einer fast 40-jährigen Produktionsphase gab und ich zum ersten Mal Arbeiten, die schon über 40 Jahre alt sind, im Zusammenhang mit neueren Werken zeige."

In dieser Ausstellung kommt Craggs enorme Vielfalt der Materialien, Techniken und Oberflächenstrukturen zum Ausdruck. Seine Figuren entziehen sich einer raschen Definition – zu sehr sind sie mal Wesen, mal Ding, je nachdem von, wo aus man sie betrachtet, ergeben sich völlig andere Seiten und Perspektiven. Ausstellungskurator Siegfried Gohr erläutert: "Es entsteht der Eindruck, als ob das Werk nicht alles zur Sprache, das heißt zur Sichtbarkeit bringen will, was in ihm steckt."

"Seh- und Denkgewohnheiten aufbrechen" will auch das "Kunst Meran" in der Südtiroler Stadt. "Tony Cragg verbindet in seinem künstlerischen Werk den barocken Geist der formalen Bewegungsstudien mit der Vielzahl von Perspektiven in der Kunst des 20. Jahrhunderts und den elementaren Formen der Natur“, heißt es, „die auf diese Weise zu Mittlern zwischen der organischen Welt und den traditionellen Materialien der Bildhauerei werden."

Tony Cragg

im Louvre: "Figure out/Figure in" bis 25. April. Katalog: Wienand Verlag, 34 Euro
im Museum Küppersmühle "Dinge im Kopf" bis zum 06. Juni


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