Camille Corot - Winterthur

Blick auf die Schätze des Hauses

Die Sammlung Oskar Reinhart "Am Römerholz" im schweizerischen Winterthur zeigt den Landschaftsmaler Corot als Meister der Figurendarstellung

Wer an Camille Corot denkt, der denkt in erster Linie an den Landschaftsmaler. Es waren vor allem die Studien zu großen Ölbildern, die er vor der Natur anfertigte – duftige Naturimpressionen mit atmosphärischem Lichteinfall, lockerem Pinselstrich und einer Frische und Spontaneität, die im krassen Gegensatz zu der blutleeren Akademiemalerei standen und starken Einfluss auf die Entwicklung des Impressionismus ausübten. Einem ganz anderen, weniger bekannten Aspekt widmet sich nun eine konzentrierte Ausstellung in der Sammlung Oskar Reinhart "Am Römerholz" im schweizerischen Winterthur: Corots Figurenmalerei.

Ausgangspunkt der Ausstellung, die Sammlungsleiterin Mariantonia Reinhard-Felice organisiert hat, ist das bezaubernde Bild "Lesendes Mädchen", eine wunderbare Studie in zarten Tönen der Grau-Skala, nur der Rock erscheint in einem gedämpften Rot. Es ist die erste Corot-Ausstellung zu diesem Werkaspekt, seit der Pariser Louvre sich 1962 dem Thema gewidmet hatte.

Die Sammlung am Römerholz besitzt ein Corot-Ensemble, das nach einer testamentarischen Verfügung von Oskar Reinhart nicht ausgeliehen werden darf, auch nicht zu der Ausstellung "Corot in der Schweiz", die das Genfer Musée Rath von September 2010 bis Januar 2011 gezeigt hatte. Um nachdrücklich auf die Schätze im eigenen Haus aufmerksam zu machen, lieh die Kuratorin noch eine Reihe Arbeiten aus anderen internationalen Museen, darunter der Pariser Louvre, die Albright-Knox Art Gallery in Buffalo, das Petit Palais in Paris, das Arp-Museum in Rolandseck und die Hamburger Kunsthalle.

Als Titel wählte Mariantonia Reinhard-Felice „L’Armoire secrète“ (etwa geheimer Schrank/Geheimfach), denn: "In diesem Titel schwingt zugleich etwas von dem Geheimnisvollen mit, das gerade diese weltabgewandten Geschöpfe tatsächlich umgibt." Corot hatte meist junge Frauen als Modelle, die er oft in fremdländische Kostüme steckte und ihnen auffällige Attribute in die Hände gab – eine Spindel etwa und immer wieder Bücher. Der Vergleich des zentrale Bildes der Ausstellung, "Lesendes Mädchen oder Sitzendes Hirtenmädchen beim Lesen", mit anderen "Lesenden" soll "die Bedeutung der Lektüre in der Figurenmalerei Corots hervorheben und zugleich die Ausgereiftheit dieser ganz persönlichen Interpretation der menschlichen Figur, die er in den fünfziger Jahren erreicht hatte, belegen."

Camille Corot – L'Armoire Secrète

Termin: 4. Februar bis 15. Mai. Katalog: Hirmer Verlag 34,90 Euro, 49,90 Franken
http://www.bundesmuseen.ch/roemerholz/

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