Eugen Schönebeck - Frankfurt am Main

Bilder einer kurzen Karriere

Der Weggefährte von Georg Baselitz hätte einer der ganz Großen seiner Generation werden können – aber 1967 hörte er auf zu malen. Nun erinnert die Frankfurter Schirn in einer großen Gesamtwerkschau mit nahezu allen erhaltenen Gemälden und den bedeutendsten Zeichnungen an den Nachkriegsmaler Schönebeck.

Er sei "vielleicht als Maler kein Talent, eher vielleicht ein Dandy, der sich selbst moderiert", behauptet Eugen Schönebeck von sich. Was ihn Ende der fünfziger Jahre nicht davon abhielt, mit denkbar radikaler Geste der Passion des Malens nachzugehen.

Schönebeck hat in seiner kurzen Malerlaufbahn mehr Bilder zerstört, als am Ende bewahrt blieben. Und weil er infolge der sozialistischen Gesinnung eines Tages von der kollektiven Botschaft der Wandmalerei überzeugt war, aber sich kein Auftrag abzeichnete, hörte er 1967 mit gerade 30 Jahren schließlich ganz zu malen auf. Das, obwohl er sicher das Zeug zu einem großen Existenzialisten zwischen den Polen der Figuration und Abstraktion hatte. "Und zur Monumentalmalerei gehört immerhin eine gewisse Begabung, man kann Figuren an der Wand nicht mit einem Rechenschieber entwickeln", findet der heute 74-Jährige. Die Schirn-Kunsthalle erinnert nun in einer Retrospektive an den Nachkriegsmaler aus Heidenau bei Dresden, dessen Porträt von Leo Trotzki (1964) jetzt überdies als Geschenk der Sammlerin Dorette Hildebrand-Staab ins Frankfurter Städel-Museum kam.

Anders als es in der Regel seine Künstlergeneration im Westen vorzeichnete, erfolgte Schönebecks Weg von der informellen Kunst wieder zurück zur Gegenständlichkeit. Schönebeck fiel bereits in frühen Akademiejahren an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin durch expressiv gesteigerte Zeichnungen auf, in denen das erlebte Nachkriegsdesaster furios aufgelöst war. Mehr und mehr versuchte er, das deformierte Menschenbild wieder zusammenzustückeln, ohne dabei allerdings die bösen Narben, Brüche, Nähte kitten zu wollen. Anfang der Sechziger malte er amputierte Lappen von Menschenfleisch in rohe Kreuzigungsdarstellungen. Konkrete Museumsvorbilder hatte er nicht vor Augen. "An Chaim Soutine und Francis Bacon führt vielleicht kein Weg vorbei", sagt Schönebeck. Für ihn gelte das auch für Huang Binhong und Shi Lu.

Zusammen mit Georg Baselitz, dem er 1957 an der Akademie begegnet war, verfasste Eugen Schönebeck zwei "Pandämonische Manifeste" (1961, 1962) – Hassschriften auf den saturierten bürgerlichen Kunstbetrieb. Baselitz erinnert sich: "Eugen war derjenige, der die besseren Informationen hatte. Er ging früher in die Bibliothek, er fuhr als Erster nach Paris." Später überwarfen sich die Malerfreunde, weil Schönebeck sich nicht an die kindische Abmachung gehalten hatte, immer nur im Bunde mit Baselitz auszustellen. Seit 1962 haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Ein immer noch nagender Phantomschmerz in Schönebecks Künstlerseele: "Man trennt sich mental nie!"

Seine sicher souveränste Phase hatte Schönebeck als kantig stilisierender Realist. Die sozialistische Aussicht auf eine neue Gesellschaft hellte sein Malerweltbild nicht nur farblich auf. Schönebeck schielte von dem Westberliner Stützpunkt auf die für ihn blühende kommunistische Wiese im Osten oder auch nach Mexiko zu den Muralisten wie dem von ihm porträtierten Maler David Alfaro Siqueiros (1966). Und Mao Tse-Tung (1965) verlieh er ein ungewöhnlich sympathisches Äußeres: "Unter anderem entzündete sich mein Interesse an Mao, weil er gute Gedichte schrieb. Deshalb auch die Rose anstelle der bei den Linken üblichen Nelke in seiner Hand." Politische Kunst bedeutet ihm damals "nicht illustrierte, sondern demonstrierte Weltanschauung".

Eine gewisse Kompromisslosigkeit ist heute noch bei Schönebeck zu spüren, auch wenn er längst nicht mehr an die Segenskraft des Sozialismus glaubt. Den Pinsel hat er nie wieder in die Hand genommen, sich mit wechselnden Jobs wie dem Briefeaustragen über Wasser gehalten. Er zeichnet nach wie vor viel in der Natur – das sei aber nicht für
die Öffentlichkeit bestimmt. Würde er jetzt mit dem Medium Malen arbeiten, würde sein "Ausdruck vielleicht eher dem Tautropfen auf einem Blatt ähneln oder dem leuchtenden Mond in dunkler Nacht".

Eugen Schönebeck - 1957-1967

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Mai in der Shirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen
Der Katalog zur Ausstellung aus dem Hirmer Verlag kostet 26,80 Euro, im Buchhandel 34,90 Euro
http://www.schirn.de/ausstellungen/2011/eugen-schoenebeck/eugen-schoenebeck-ausstellung.html

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