Gil & Moti - Kopenhagen

Doppel-Scherz

Das israelische Künstlerduo Gil & Moti will Araber zu Freunden machen und der Homosexualität zur Normalität verhelfen – ab Ende März auch in Bochum. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf hat die beiden bei ihrer aktuellen Ausstellung in Kopenhagen getroffen und versucht, sie zu verstehen.
Der gedoppelte Scherz:Das Künstlerduo Gil & Moti in Kopenhagen

Teil des "Wedding Project" von Gil & Moti: "Gil & Moti & Her Majesty Queen Beatrix Of The Netherlands & His Royal Highness Willem-Alexander The Prince Of Orange & His Fiancée Maxima Zorreguieta", 2001, Öl auf Leinwand, 152*192 cm

Pat und Patachon, Gilbert & George, Eva & Adele, Schulz und Schultze – echte oder vermeintliche Zwillingspaare sind in Populärkultur wie Kunst ein Hingucker, oft unterhaltsam, manchmal (gewollt oder ungewollt) lächerlich. Nun also Gil & Moti. Doch mit wem der Erstgenannten hat das israelische Künstlerpaar eigentlich am meisten gemein? Die beiden sind Männer, das spricht für das dänische Stummfilmduo Pat und Patachon, Gilbert & George sowie Schulz und Schultze, das Zwillingspaar aus den Tim-und-Struppi-Comics. Sie sind Künstler – wie Gilbert & George und Eva & Adele. Sie sehen sich ziemlich ähnlich, ebenso Gilbert & George, Eva & Adele sowie Schulz und Schultze. Offensichtlichkeiten helfen also nicht weiter. Menschen und Werk muss auf die Spur gegangen werden.

"Ich bin Gil", "Und ich bin Moti", sagen die zwei ähnlich aussehenden und identisch gekleideten mittelalten Männer zur Begrüßung. Und dann redet in den kommenden zwei Stunden vor allem Gil, der ältere, geboren 1968. Wirklich länger ergreift Moti (*1971) nur das Wort, als Gil einmal telefonieren muss. Charakterlich und von der Eloquenz her sind sie jedenfalls alles andere als gleich. "Wir lassen die Trennung von Leben und Kunst verwischen", sagt Gil und führt in die Mitte des zentralen Ausstellungsraums der Kopenhagener Kunsthalle St. Nikolaj, einer umfunktionierten Kirche. Dort steht auf simplen Holzkästen ein Bett. Das Ehebett der beiden. Gil und Moti waren unter den ersten Homosexuellen, die vor zehn Jahren das neue niederländische Eherecht genutzt und sich in Rotterdam haben trauen lassen. Nicht nur, um zu heiraten, weil sie sich lieben, sondern auch als Statement – für die Homosexuellenehe; und für die Kunst. Also gaben die beiden sich nicht mit einer einfachen Zeremonie zufrieden. Was stattdessen passierte, kann in Kopenhagen wie in Bochum in einem Film am Fußende des Betts gesehen werden: Sie ließen sich eigens zwei identische Kostüme entwerfen, die aussehen als hätte der mittlerweile gestorbene Karl-Heinz Stockhausen sie für eine seiner Aufführungen entworfen und dabei eine weiße Version eines Supermankostüms im Kopf gehabt, die aber auch gut auf dem Christoper-Street-Day getragen werden kann. Kurzum, etwas exaltiert und alles andere als vom Profi-Designer für schlichte Eleganz entworfen. Doch das reichte nicht. Nicht irgendwer, sondern der Bürgermeister musste sie trauen, und die ganze Stadt sollte eingeladen werden, beim Jawort zuzuhören. Also wurden, statt wie üblich, ein paar Einladungskarten zu verschicken, im öffentlichen Raum Plakate aufgehängt. Damit die Bevölkerung den beiden auch zuschauen konnte, wurde die Zeremonie auf dem Königinnen-Balkon des Rathauses abgehalten – alles andere als üblich.

Gil & Moti ließen sich feiern und die Homosexuellenehe gleich dazu. Auch das war noch nicht alles, deshalb verbrachten sie die Tage nach der Hochzeit im Bett – eigentlich nichts Ungewöhnliches, doch das Bett der beiden stand in der Halle des Rotterdamer Rathauses. Während also Bedienstete und Besucher vorbeiströmten lagen die beiden mittendrin. Auf die Frage, ob sie denn auch vor den Augen der Öffentlichkeit Sex gehabt hätten, reagieren Gil & Moti etwas verdutzt. "Natürlich nicht", sagt dann Gil und scheint sich nicht ganz im Klaren darüber, dass diese Enthaltsamkeit vor den Augen aller alles andere als konsequent ist.

Die beiden sehen sich als Dauer-Performer, denn wie auch bei Eva & Adele oder Gilbert & George ist der Auftritt schon das Werk. Gil & Moti kleiden sich stets identisch – nicht nur, wenn sie heiraten. Heute tragen sie Jeans, schwarzes Hemd mit weißen Quadraten, dunklen Pullover, gelbe Brille und schwarze Lederjacke. Die beiden, so sagen sie, haben nur ein Telefon, einen Kalender und einen Hausschlüssel, denn alles benutzen sie gemeinsam. "Vierundzwanzig Stunden, rund um die Uhr weicht der eine nicht vom anderen", so Moti. Was für andere Horrorvorstellung darstellt, sehen die beiden als natürlich an, da es einen Teil ihres künstlerischen Schaffens.

Die Hochzeit war Politikum, erregte aber auch Ärger, so Gil. Nicht zuletzt bei Homosexuellen, die meinten, das Künstlerpaar vertrete nicht die gewöhnlichen Homosexuellen, es könnte aber so aufgefasst werden. Die beiden sind schwul und kommen aus Israel. Natürlich hat das eigentlich nicht viel miteinander zu tun, doch beides ist oft ein Thema – für Außenstehende wie in der Kunst der beiden. So sind sie besonders darum bemüht, Arabern Gutes zu tun. Als Teil der Aktion "Available for you" boten sie sich bereits im Jahr 2008 arabischen Einwanderern oder Bürgern mit solch einem Hintergrund in Kopenhagen und Rotterdam als Hilfe an. Gil & Moti gingen in Läden und verteilten Flyer, auf denen sie sich bereit erklärten, im Geschäft oder zu Hause auszuhelfen. "In Israel sind die Araber häufig die Dienenden. Wir wollten dieses Herr- und Diener-Verhältnis umkehren", so Gil. Viele hätten die Hilfe gerne angenommen und eine Frau vor allem deshalb, weil sie wollte, dass ihre Kinder nicht mit dem Vorurteil aufwachsen, Israelis seien Monster. "Sie haben uns getroffen und gelernt, dass wir Menschen sind - wie sie auch", so Motis simpel klingende Weisheit. Doch wenn man ihn und seinen Kompagnon davon sprechen hört, welche Vorurteile ihnen, als sie klein waren, über die Araber erzählt worden sind, keine Selbstverständlichkeit. Die würden von den Hunden angebellt, weil sie stinken, war noch eine der harmloseren vorgeblichen Wahrheiten über Araber, von denen die beiden aus ihrer Kindheit erzählen.

Eine Dokumentation von "Available for You" ist in Kopenhagen wie Bochum zu sehen. Für die diesjährige Ausstellung in Dänemark näherten sich die beiden wieder performativ an die Araber an. Diesmal gingen sie in eine Moschee am Rande der dänischen Hauptstadt und steckten in Schuhe der Betenden Zettel mit Aufschriften wie "Ich bin fasziniert von deinem Glauben, lass uns sprechen". Tatsächlich rief der so Angesprochene an und die drei diskutierten über die Themen Glaube, Liebe, Hoffnung.

Angesichts des Aufzugs der vermeintlichen Zwillinge ist zu befürchten, dass solche Aktionen in doch recht albern wirkender Einheitskleidung schnell lächerlich wirken. Doch, so die beiden, gerade diese vorgeblich zur Schau getragene fehlende Seriösität helfe häufig. Denn zwei clowneske Figuren sorgten sofort für Entspannung. Im lustig wirkenden Einheitslook bringen die beiden ein wenig kindliche Naivität herüber und helfen so häufig, das Eis zu brechen. Deren Auftreten nur lächerlich zu finden, als seien Gil & Moti Schulz & Schultze, greift deshalb zu kurz. Nicht alle müssen so seriös rüberkommen wie Gilbert & George oder so perfekt gekünstelt wie Eva & Adele. Nur einmal wurden sie in Kopenhagen gebeten, ein Geschäft sofort zu verlassen. "Der Mann sagte, wir hätten ihm sein Land weggenommen und deshalb sei er in Dänemark", so Gil. Auch lockere Künstler können eben nicht alle mal eben aussöhnen. Aber manchmal ist auch der Versuch schon einiges wert, und bereit zu sein, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, kann auch ein Wert sein. Allerdings ist fraglich, ob die Aktionen der beiden wirklich über die unmittelbar Betroffenen hinaus eine Wirkung haben.

Gil & Moti: Totally Devoted to You

Termin: bis 24. April in der Nikolaj Kunsthallen Kopenhagen und vom 27. März bis 8. Mai 2011 im Kunstmuseum Bochum
http://www.kunsthallennikolaj.dk/

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