Laurel Nakadate - New York

Auf der Jagd nach alten Männern

Laurel Nakadate lässt niemanden kalt: Sie lässt sich von alten Männern verfolgen und befiehlt jungen Mädchen, sich auszuziehen. Frauen als Jägerinnen und Gejagte ist das Thema ihres Werkes, bei dem sich sich selbst furchtlos in den Mittelpunkt stellt.

Ihre Performance der Tränen dauerte ein komplettes Jahr an. Am 1. Januar 2010 begann Laurel Nakadate, sich jeden Tag weinend zu fotografieren. Am Silvesterabend schoss sie das letzte Bild für ihre Serie "365 Days: A Catalogue of Tears". Dicht an dicht hängen die tränenreichen Studien im Gang zu Nakadates erster großer Museumsausstellung "Only the Lonely" mit Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren im New Yorker P.S. 1, dem jungen Ableger des Museum of Modern Art.

Auch der Ausstellungsraum, der zu den Videoarbeiten der Künstlerin führt, ist mit Trauer-Fotos gepflastert. Laurel Nakadate weint in Zügen, in Flugzeugen und mit Vorliebe in Hotelzimmern. Sie blickt verloren auf Parkplätze und setzt sich gern dürftig bekleidet in dunklen Räumen oder vor beschlagenen Fensterscheiben in Szene. Und so begleitet man die aus Texas stammende Künstlerin auf einer langen Reise durch die Einsamkeit.

Der Reiz und die Schwäche der Porträts liegt darin, dass die inzwischen 35-Jährige ihren Körper so gekonnt inszeniert. So rühren einen die Bilder an und stoßen einen gleichzeitig in all ihrer Eitelkeit ab. Lebt hier eine junge Frau ihren Narzissmus aus? Oder sind die Arbeiten die folgerichtige Reaktion einer Künstlerin, die mit MTV-Videoclips und Reality-Shows groß geworden ist? Nakadates frühere Film-Projekte hingegen erzählen eine andere Geschichte: die des Opfers und der Jägerin. Mit den geschmeidigen Bewegungen einer Striptease-Tänzerin nimmt die Künstlerin gekonnt die Doppelrolle an. Die Arbeiten sind so deprimierend wie provozierend zugleich. Anstatt die männliche Aufmerksamkeit, die sie mit ihrem Körper bekam, zu ignorieren, beschloss die Yale-Studentin in jungen Jahren, sie für ihre Kunst einzusetzen.

In Ringelsocken und Herzchen-Unterwäsche hat sie Sex mit unsichtbaren Spielpartnern. Sie lässt sich von einem Amateurkünstler als Modell anstellen. Sie posiert als Pin-up-Girl und reicht die Fotos bei Männern herum, die zuvor ihre Finger in schwarze Farbe tauchten, so dass ihre Fingerabdrücke die Bilder beschmutzen. Sie suchte sich ältere, mit ihren Glatzen, dem Übergewicht, ihren armseligen Wohnungen und den armseligen Klamotten bemitleidenswerte Männer per Kontaktanzeige für ihre Video-Projekte. Mal feierte sie Geburtstag mit ihnen und ließ sich "Happy Birthday" singen. Mal ließ sie sich von ihnen auf dunklen Parkplätzen von Tankstellen verfolgen. Dann wieder spielt sie eine Art Strip-Poker, bei der sowohl Nakadate als auch die Männer mit ihren erwartungsvollen Augen die Hüllen fallen lassen. Das Objekt der Begierde dreht den Spieß um, indem es die Männer zu Objekten degradiert.

"Gefährlich clever, gefährlich mutig (und oftmals ganz einfach gefährlich)", schrieb Jeffrey Kastner in Artforum. "Laurel Nakadate hat unauslöschliche Arbeiten geschaffen, in denen sie ihre psychosexuelle Identität und die weibliche Macht provokativ erforscht." Zu den neueren Projekten zählen zwei alptraumgleiche Filme über verstörte Vorstadt-Teenager und "Good Morning Sunshine" (2009), in dem Nakadate junge Frauen in ihren Schlafzimmern vor laufender Kamera aufweckt und sie auffordert, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Obwohl die Szenen gestellt sind, bekommt der Betrachter eine Ahnung von diesem verwirrend machtvollen Gefühl, sich als junge Frau selbst zu entdecken.

Wie zu erwarten gehen die Meinungen der Kritiker auseinander. Männer wie P.S.1-Direktor Klaus Biesenbach, der die Ausstellung organisiert hat oder der New-York-Times-Kritiker Ken Johnson, der "Only the Lonely" einen wohlwollenden Artikel widmete, hätten wohl ihren klaren Kopf verloren, wetterte die Kunstschreiberin Carol Diehl auf ihrem Blog. Nakadate, die in ihren Filmen entrückt wirkt und zu niemandem auch nur irgendeine Form von Nähe zulässt, scheint ihren Kritikern in ihrer Ausstellung widersprechen zu wollen. In einer Serie von Reise-Fotos sind die Dessous einer jungen Frau zu sehen, die aufmüpfig im Wind wehen.

"Only the Lonely"

bis 8. August 2011
http://ps1.org/exhibitions/view/321

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