Kompass: Zeichnungen aus dem MoMa - Berlin

Sammeln mit der Schrotflinte

Vier bis fünf Bilder pro Tag kaufte man für die Sammlung Judith Rothschild ein, rechneten Kritiker nach und sprachen von Sammeln als Performance. Das Ergebnis der Kauforgie ist jetzt im Gropius-Bau zu sehen.

Es war ein außergewöhnliches Geschenk: Im Jahr 2005 gingen etwa 2600 Zeichnungen von mehr als 600 zeitgenössischen Künstlern, die komplette Sammlung der Stiftung von Judith Rothschild, an das New Yorker Museum of Modern Art. Es ist die größte Schenkung aus dem Bereich Zeichnung in der Geschichte des Museums. Eine Auswahl von 250 Arbeiten von 120 Künstlern reist nun nach Berlin.

Auf 60 Millionen Dollar wird der Wert der Sammlung geschätzt. Es handelt sich nicht um die Auslese jahrzehntelanger, leidenschaftlicher Sammlertätigkeit, sondern um die Ausbeute einer zweijährigen Shopping-Tour, die der alleinige Verwalter der Stiftung, Harvey S. Shipley Miller, zwischen 2003 und 2005 gemeinsam mit dem damaligen MoMA-Kurator Gary Garrels und dem deutschen Junggaleristen André Schlechtriem unternommen hatte. Die Blitzaktion stieß damals auf reichlich Skepsis. „Sammeln als Performance Art“ nannte es Roberta Smith von der „New York Times“ und rechnete vor, dass das Trio bei einer Fünftage-Arbeitswoche vier bis fünf Zeichnungen pro Tag erworben hatte. Ein anderer Kritiker verglich den Aufbau der Sammlung damit, eine geladene Schrotflinte auf den Kunstmarkt abzufeuern.

Miller und sein Team überzeugten nicht nur mit Kaufkraft, sondern mit dem Versprechen, dass die Arbeiten in der Sammlung des MoMA landen würden. Harvey S. Shipley Miller sitzt obendrein im Vorstand des Museums. Was "der Querschnitt eines Moments" unserer Zeit werden sollte, so Miller, uferte schließlich in mehrere Dekaden aus. Und weil es sich um ein künstlerisches Medium mit unendlichen Möglichkeiten handelt, erstreckt sich die Sammlung über Studien, Skizzen und Gekritzel zu vollendeten figurativen und abstrakten Arbeiten. Große Namen wie Joseph Beuys, Dan Flavin, Donald Judd oder Hanne Darboven gesellen sich zu Malern wie Elizabeth Peyton und John Currin oder Neuentdeckungen wie Christian Holstad und Nick Mauss.

Ihre Stiftung solle unterschätzte Künstler unterstützen, hatte die 1993 gestorbene Judith Rothschild verfügt. Ihrem Wunsch wurde insofern nachgegeben, als mit der Sammlung 340 neue Künstler in das MoMA einzogen. Der Kurator der Ausstellung, Christian Rattemeyer, wählte den Titel „Kompass“, weil er im Englischen sowohl das Navigationsinstrument als auch das Zeichen­werkzeug Zirkel beschreibt. Denn damit würde der geografische Ansatz der Kuratoren und Sammler, sich auf die Kunstzentren London, Glasgow, Los Angeles, New York, Berlin, Köln und Düsseldorf zu konzentrieren, ebenso aufgegriffen wie der Fokus auf prozessorientierte Fragen des Zeichnens. Doch zeigt der Titel die Schwäche der Sammlung auf, die sich als Schnappschuss ihrer Zeit versteht und scheinbar ohne Kompass und genaue Richtung alle nur erdenklichen Wege einschlägt.

Kompass – Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art New York

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 25 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro


Berlin, Martin-Gropius-Bau
Bis
29.5.