Freibeuter der Utopie - Bremen

Wer hat Angst vor Utopia?

Das Museum Weserburg in Bremen erforscht die Utopie und zeigt berechtigtes Misstrauen gegenüber Weltverbesserern, findet art-Redakteur Daniel Boese

Schon im Fahrstuhl zur Aus­stellung im dritten Stock des Museums Weserburg hört man die Schreie. Noch klin-gen sie nur dumpf, erst wenn sich die stäh­lernen Türen öffnen, steht man mitten im Gebrüll. "Feed me, Eat me" sind Satzfetzen, die man verstehen kann. Man sieht einen kahlen Männerkopf, der sich auf sechs Monitoren und auch in überlebensgroßen Projektionen im Kreis dreht. Der neunköpfig Klagende ist Teil der Arbeit "Anthro/Socio Rinde Spinning" (1992) von Bruce Nauman.

Ihm zur Seite steht eine zweite archetypische Figur: Auf der Wand um die Ecke ist Joseph Beuys zu sehen, wie er drei Tage lang versucht, in nächster Nähe eines Kojoten zu leben. Die Aktion "I Like America, America Likes me" 1974 in der New Yorker Galerie von René Block, legte den Grundstein für die Rezeption von Beuys als Schamane. Im Video verbeugt er sich im Filzumhang vor dem Kojoten, mit Stock in der Hand – Mensch und Tier in respektvoller Harmonie.

Es sind diese beiden Pole von der Klage über die Welt auf der einen und vom Bild eines Lebens in Harmonie mit der Natur auf der anderen Seite, die die Ausstellung "Freibeuter der Utopie" eröffnen – das ewige Leid und die Sehnsucht nach Erlösung. Die drohende metaphysische Schwere wird dann ganz schnell aufgebrochen. Als ironi­scher Retter tritt ein Frosch von Martin Kippenberger auf, der die Sehnsucht nach einem Erlöser veralbert. Schon der Titel der Arbeit weist den für Kippenberger typischen Humor auf: "Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Casanova: Der Gesichtsausdruck beim Nageln" (1990). Die heraushängende Zunge des Frosches am Kreuz tut ihr Übriges.

Carsten Ahrens, Direktor der Weserburg, arbeitet so die zwiespältige Rolle der Utopie im 21. Jahrhundert heraus: Sie ist wieder wichtig geworden, weil sie einen Ausweg aus dem Elend der globalen ökonomischen Krise verspricht – aber man kann ihr nicht über den Weg trauen, so viel hat man aus dem 20. Jahrhundert gelernt.

Ahrens hat eine sehr konzentrierte Zusammenstellung aufgebaut, die auf Klassiker der Gesellschaftskritik wie Heiner Müller, Einaar Schleef und Olaf Metzel vertraut. Seine Stärke ist es, den Künstler als Freibeuter zu zeigen, der keiner Hierarchie unterworfen ist, der sich auf keine klare Ideologie und Handlungsanweisung zur Weltverbesserung verpflichten lässt. Seine zentrale Figur hierfür ist Beuys, der auch die schwierigen Konflikte thematisierte, aber nur der Kunst verpflichtet blieb.

"Freibeuter der Utopie"

Termin: bis 25. April 2011
http://www.weserburg.de/

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