Lorenzo Lotto - Rom

Ein Großer aus der Provinz

Die bislang umfangreichste Werkschau des italienischen Renaissancemalers, der vor allem durch seine großartigen Porträts überzeugt, ist in der Scuderie del Quirinale in Rom zu sehen

Lorenzo Lotto wurde um 1480 in Venedig geboren, für ein malerisches Talent eigentlich genau zur richtigen Zeit und am rechten Ort. Doch die koloristische Bravour der großen Venezianer, allen voran die eines Tizian, bestimmte den Geschmack der Zeit. Lorenzo Lotto liebte dagegen kühle Farben und schätzte Albrecht Dürer, dem er persön­lich begegnet ist. Auf dem Kampfplatz Venedig konnte er sich nicht lange halten. Er wich ins Umland aus, nach Treviso, wo er seine ersten Aufträge für Altarbilder und Porträts erhielt.

Fast sein ganzes Leben lang war er ausschließlich in kleinen Städten Nord- und Mittelitaliens beschäftigt, mit ei­ner Ausnahme: 1508 beauftragte ihn Papst Julius II. mit Fresken im Vatikan, doch Lorenzo Lotto verließ die Stadt bald wieder, "sehr unruhig im Kopf", wie er selbst berichtet.

Erst ab 1890 wurde sein Werk durch den amerikanischen Kunsthistoriker Bernard Berenson in seiner Größe erkannt und bekannt gemacht. Seitdem folgten zahlreiche Ausstellungen, etwa 1953 in Venedig, zuletzt 1998 in Bergamo, Paris und Washington. Die Schau in Rom aber ist mit rund 60 Gemälden die größte, die Lorenzo Lotto je gewidmet wurde. Porträts gedankenvoller Humanisten, melancholischer Witwen und vom Schicksal gezeichneter Charaktere sind in Rom zu sehen, dazu elf vom Holzwurm zerfressene Flügelaltäre, die rechtzeitig restauriert wurden. Gezeigt wird auch die berühmte "Verkündigungsszene" (1534/35) aus Recanati, auf der ein mächtiger Engel in einem sonnendurchfluteten Zimmer kniet und nicht nur Maria erschreckt, sondern auch eine Katze in die Flucht treibt.

Lotto war vor allem ein großartiger Porträtist. "Kein Maler war je so empfänglich für wechselnde Seelenzustände", schreibt Berenson. Ein Glanzstück der Ausstellung ist ohne Zweifel das Porträt des venezianischen Kaufmanns und Antiquitätensammlers Andrea Odoni, das als eines der innovativsten und dynamischen Bildnisse der Renaissance gilt und als Leihgabe des britischen Königshauses von Schloss Hampton Court nach Venedig kam. Das "sehr zu rühmende Bildnis", so der italienische Künstlerbiograf Giorgio Vasari, zeigt den bärtigen Kunstliebhaber, der in einer Hand eine Statuette der Diana von Ephesus hält, und er ist umgeben von den Relikten antiker Skulpturen.

Lorenzo Lotto führte ein Rechnungsbuch, aus dem man ersehen kann, dass er 1546 völlig verarmt war. Wenige Jahre später trat er als Laienbruder in das Kloster von Loreto ein. Er starb 1556.

"Lorenzo Lotto"

Termin: Bis 12. Juni in der Scuderie del Quirinale, Rom, Katalog: 35 Euro
http://www.scuderiequirinale.it/mediacenter/FE/home.aspx

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