Die Bierpyramide - Berlin

Hauptsache Berlin

Cyprien Gaillard baut in den Berliner Kunst-Werken eine Pyramide aus gefüllten Bierkisten und lädt die Besucher ein, sich zu bedienen. art-Autor Steffen Zillig besuchte die Ruinen eines denkwürdigen Trinkgelages.

"Nun zur Hauptsache! Wie kommt alles nach Berlin?" Worte des deutschen Archäologen Carl Humann (1839 bis 1896), dem Entdecker des Pergamonaltars, wie sie dem Begleittext zur aktuellen Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken vorangestellt sind. Die postkoloniale Lesart von Cyprien Gaillards raumgreifender Installation scheint vorgegeben. Um die Rezeptionsgeschichte des Monuments soll es gehen, um die Bewahrung von Kulturdenkmälern und den Raubbau am Vergangenen.

Nur, was der 1980 in Paris geborene Gaillard zu diesem Zweck im Lichthof der Kunst-Werke errichten ließ, erinnert zunächst mal mehr an das Ergebnis einer ungebremsten Schnapsidee: Blaue Pappkartons mit insgesamt 72 000 Bierflaschen der bekannten türkischen Brauerei "Efes" wurden da in der Mitte des Raumes zu einer 4 Meter hohen und 12 Meter breiten, beeindruckend akkuraten Pyramide gestapelt. Zu der Arbeit mit dem singenden Titel "The Recovery of Discovery" gehört aber auch die Beteiligung der Besucher, die sich zur Eröffnung der Ausstellung am 26. März nicht zweimal dazu auffordern lassen mussten, das unversehrte Monument zu erklimmen und sich seiner hopfenhaltigen Bauteile zu bedienen.

Nicht wenige sahen bereits in diesem Eröffnungsevent den eigentlichen Clou der Arbeit, eine Trinkgemeinschaft als soziale Plastik. Wobei das Publikum der Vernissage in der amtlichen Interpretation natürlich nichts weniger als "das Prinzip des Displacements" und den "touristischen Kolonialismus" repräsentierte. Als Teilnehmer dieses Schauspiels durfte dann das Nachdenken darüber aber immerhin mit bestem Gewissen begossen werden, gehörte doch die zunehmende "Amnesie" und der nachfolgende "Hangover" diesmal ganz offiziell ins künstlerische Programm. Leichter ließ sich so auch über einige Ungenauigkeiten in der etwas angestrengt wirkenden Herleitung hinwegsehen: Das antike Ephesos, auf das der Markenname "Efes" zurückzuführen ist, und die Stadt Pergamon, auf deren entführten Altar die Bierpyramide doch eigentlich verweisen soll, trennen immerhin rund 150 Kilometer. Vielleicht aber hält die Installation von Cyprien Gaillard doch mehr bereit als eine rauschende Nacht und ein paar lose Brocken Archäologie- und Kulturgeschichte. Für jene zumindest, die sich jetzt, Tage nach dem großen Opening, noch einmal auf die Kisten wagen.

Mittlerweile ist der Weg über die Stufen der Pyramide etwas wackliger, viele Kisten sind aufgerissen, verbeult oder ganz aus dem Mauerwerk gerissen. Leere Flaschen, Scherben und Biergestank verteilen sich im Raum. Trotzdem findet man noch genügend volle Flaschen. Die gerupfte Bierpyramide vermag ihren Bezug zu Kolonialgeschichte von Kulturdenkmälern wenig plausibel machen, als Mahnmal taugt sie dennoch. Womöglich gibt es sogar keinen besseren Zeitpunkt, kein drastischeres Bild, eine feierwütige Kunstszene ihrer eigenen leeren Rituale zu überführen. Der alles bestimmende Durst, Teil dieser Gemeinschaft der Besonderen zu sein, nagt längst an der Substanz dessen, um das herum sie sich formiert. Die Kunst ist ein zimmertemperiertes Freibier, der Betrachter ihr williger Konsument. Cyprien Gaillard hat die Ruinen dieser Logik freigelegt und nach Berlin geschafft. Das ist die Hauptsache.  

The Recovery of Discovery

Termin: Bis 22. Mai im KW Institute for Contemporary Art, Berlin
http://www.kw-berlin.de
info@kw-berlin.de