Luc Tuymans - Brüssel

Eisige Stille

Das Museum Bozar in Brüssel, europäische Station der großen Retrospektive von Luc Tuymans, zeigt das Werk des belgischen Malers erstmals in chronologischer Ordnung Die schlichte Hängung überzeugt. Das Unbehagen kann sich optimal entfalten.

Es ist Luc Tuymans erste Retrospektive in Brüssel. Zwei Jahre lang war sie in den USA auf Tournee, nun beschert sie dem Antwerpener Maler zum Finale eine Art Heimspiel.

Den beiden Kuratorinnen Madeleine Grynsztejn vom Museum of Contemporary Art in Chicago und Helen Molesworth, jetzt am Institute of Contemporary Art in Boston, ist es gelungen, in alle Welt verstreute Teile einzelner Serien wieder zusammenzubringen. Über 70 Arbeiten der letzten 30 Jahre sind zu sehen, darunter vier komplette Serien wie der "Diagnostische Blick" oder "Mwana Kitoko – Beautiful White Man", eine schonungslose Abrechnung mit der kolonialen Vergangenheit Belgiens.

Tuymans bislang größte Schau ist es nicht – das Münchner Haus der Kunst konnte vor drei Jahren mit mehr als 90 Arbeiten aufwarten. Aber es ist die erste nach über 100 Ausstellungen, die ganz traditionell chronologisch aufgebaut ist. Das hat damit zu tun, dass es der 52-Jährige erstmals über sich gebracht hat, die Regie zumindest zum Teil aus Händen zu geben und nicht wie bislang auch sein eigener Kurator war.

Der Besucher kann so anschaulich nachvollziehen, wie Tuymans im Laufe der Jahrzehnte zum Meister des Weglassens wird, seine Bilder an Farbe und Konturen verlieren, immer verschwommener und wie von einem Schleier überzogen wirken. Angefangen bei den "Händen", einem seiner ersten Bilder von 1978, bis hin zu den jüngsten Werken der Schau wie "Turtle" oder "Wonderland" von 2007, auf denen er – nach Arbeiten zum Holocaust, der Kolonialzeit oder dem 11. September – das Imperium Walt Disneys in Frage stellt. Durch den chro­nologischen Aufbau wird auch der wichtigste Bruch in seiner Laufbahn nachvollziehbar: 1980 tauschte Tuymans den Pinsel fünf Jahre lang gegen eine Super-8-Kamera ein, weil er die Malerei für eine Sackgasse hielt. Das Bozar zeigt exklusiv Fragmente aus dieser Periode, die sein Schaffen nach der Rückwendung zur Malerei stark beeinflusste. Denn den Blick des Filmemachers, etwa das Close-up, hat Tuymans beibehalten.

Aber auch wenn er erstmals nicht selbst Aufbau und Auswahl der Werke bestimmen konnte – die Hängung der Arbeiten, die Bestimmung von Höhe und Abstand, blieb seine Sache. Und es gelang ihm auch, die Kuratorinnen zu überzeugen, auf eine Audiotour zu verzichten. Die Besucher sollen die bleich-blassen Bilder auf sich wirken lassen. Und tatsächlich können sie durch die schlichte, so gut wie kommentarlose Hängung einige Kraft entfalten. Und jene Stille auslösen, die für sein Werk so kennzeichnend ist: Die Zeit scheint stillzustehen, die Temperatur unter Null zu sinken, alle Geräusche verstummen – während den Betrachter ein Unbehagen beschleicht, das er so schnell nicht wieder abschütteln kann

Luc Tuymans. Retrospektive

bis 8. Mai, Brüssel, Museum Bozar; Der Katalog ist im Verlag Ludion erschienen und kostet 39,90 Euro


http://www.bozar.be

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