Titanic Inszenierung - New York

Der Untergang des Guggenheim

Dominique Gonzalez-Foerster erinnerte im Guggenheim-Museum an den Untergang der Titanic – inklusive Cocktails und Rettungsboot für die erste Klasse und Rettungsringe fürs Prekariat

Gegen 20.40 Uhr waren auch die Passagiere der unteren Klassen an Bord versammelt. Die erste Klasse hatte bereits ein Drei-Gänge-Menü mit Austern, Lamm und Waldorf-Pudding für 350 Dollar im Museumsrestaurant "Wright" genossen, war per Fahrstuhl zum "A Deck" im oberen Teil der Rotunde befördert worden, wo Cocktails, ein Streichtrio und Liegestühle auf sie warteten.

Ein Gongschlag erklang und die Gäste der Billigklasse mit ihren 30-Dollar-Tickets wurden gebeten, sich von den Sitzplätzen im Keller des Guggenheim-Theaters zu erheben, um sich wie eine Horde von den weiß gekleideten Stewards in das Museum treiben zu lassen. Natürlich mussten sie die Stufen im Treppenhaus des Guggenheims, das tatsächlich an den Bauch eines Ozeandampfers erinnert, hinauflaufen. Sie nahmen die Stehplätze im unteren Teil der Rotunde ein - und warteten auf den Untergang.

Zum 99. Jahrestag des Titanic-Unglücks inszenierte die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster das Erlebniskonzert "T.1912" im New Yorker Guggenheim Museum. Die Idee für das Katastrophen-Stück kam ihr, als sie gelesen hatte, dass der letzte Überlebende des tragischen Ereignisses von 1912 vor zwei Jahren gestorben und damit jede lebende Erinnerung verschwunden war. Die weiße Rampe der Rotunde erinnerte die Künstlerin an die Decks eines Ozean-Liners. Die Titanic befand sich damals ja auf Jungfernfahrt von Southampton nach New York. Und so tat sich die Künstlerin mit dem New Yorker Wordless Music Orchestra zusammen, dessen 30, in weiß gekleidete Musiker im Erdgeschoss der Rotunde "The Sinking of the Titanic" von dem britischen Komponisten Gavin Bryars spielten. Bryars hatte die Musik 1969 in Anlehnung an die Berichte der Überlebenden geschrieben. Vor allem die Tatsache, dass das Orchester der Titanic am Abend des 14. April 1912 weiterspielte, als der vermeintlich unsinkbare Luxusliner um 23.40 Uhr auf einen Eisberg traf und schließlich um 2.18 Uhr im Meer versank, hatte Bryars zu der Komposition angeregt. Die Orchestermitglieder starben mit mehr als 1500 Passagieren. Darunter Benjamin Guggenheim, der Bruder von Museumsgründer Solomon und Vater der berühmten Sammlerin Peggy Guggenheim. Guggenheim war mit Geliebter und Entourage an Bord und soll mit seinem Diener in bester Garderobe, Weinbrand trinkend und Zigarre rauchend auf einem der Liegestühle an Deck dem Untergang getrotzt haben. 705 Passagiere überlebten die Katastrophe.

Die 1965 geborene Gonzalez-Foerster wurde mit Rauminstallationen bekannt, die an Traumwelten erinnern. Bereits 2008 machte sie sich mit "TH.2058" einen Namen für Katastrophen-Inszenierungen, als sie die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern in das Auffanglager einer untergegangenen Zivilisation verwandelte, in der das Land auf Grund des gestiegenen Meeresspiegels in den Wassermassen verschwunden war. Beim Untergang im Guggenheim setzte die Künstlerin die für sie typischen reduzierten Mittel ein und ließ die im Dämmerlicht liegenden Aufgänge der sonst blau und mit grellen weißen Licht ausgestrahlten Rotunde mit Werken von Meistern wie Wassily Kandinsky oder Franz Marc aus der Ausstellung "The Great Upheaval" aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg für sich sprechen – schließlich steuerte die Welt zwei Jahre nach dem Untergang der Titanic auf eine weitaus größere Katastrophe zu. Die Atmosphäre im Museum war geisterhaft und dabei dennoch besinnlich. Man fragte sich, ob ein derart poetisches Ereignis einer menschlichen Tragödie Rechnung tragen kann. Die Musik wurde gelegentlich von Stimmen und Geräuschen unterbrochen, die an das Klirren von Gläsern und Kristallleuchtern, an einen dumpfen Aufprall oder an das Geräusch erinnerten, das entsteht, wenn ein Schiffsrumpf von einem Eisberg gebremst wird.

"Das Museum ist ein Schiff, jede Rampe ist ein Deck, das Boot ist unendlich wie ein Möbiusband...das Boot umgibt die See, der Ozean in der Mitte..." hatte Gonzalez-Foerster im Programmheft geschrieben. Während der Inszenierung überkam die Gäste tatsächlich das beklemmende Gefühl, dass sich die Rotunde wie eine Vase mit Wasser füllen könnte. Ansonsten blieb die Tragödie abstrakt und ließ sich nicht erfühlen. Das 45-minütige Konzert führte allerdings vor, dass wir heute wie damals in einer Zweiklassengesellschaft leben – und dass ein Großteil der normalsterblichen Besucher mit ihren Billigtickets den Untergang nicht überlebt hätte. Nach einiger Zeit wurden Männer von Frauen getrennt. Die Frauen durften sich zu den in Abendgarderobe gekleideten First-Class-Gästen nach oben gesellen, während die Männer, wie damals auf der Titanic, im Untergeschoss darauf warten mussten, von Bord gehen zu dürfen. So mancher erste-Klasse-Passagier schien von der Ankunft der regulären Gäste nicht recht begeistert oder auch einfach nur gelangweilt zu sein und verließ vorzeitig das sinkende Schiff. Für den Rest stand ein einziges weißes Rettungsboot bereit. Natürlich baumelte es ganz oben in der Rotunde. Für die Gäste weiter unten gab es nicht mehr als ein paar Rettungsringe.

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