Marylin Minter - Hamburg

Die dreckige Seite des Glamours

Eine Frau, die früh Pornografie benutzte, um die Frauen zu befreien. Vor 20 Jahren wurden ihre harten erotischen Bilder abgelehnt. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Vor der ersten großen deutschen Ausstellung in Hamburg traf art eine kampfbereite, aber auch charmante Künstlerin

Den Ruf ruinierte sie sich mit ihren „Money Shots“. So nennt man in der Pornobranche Großaufnahmen vom männlichen Höhepunkt, die Marilyn Minter in ihren frühen Bildern minutiös und tropfnass nachmalte. Damit reagierte die Künstlerin in den achtziger Jahren auf eine Fraktion der feministischen Be­wegung, die auf die sexuelle Macht der Frau setzte.

Minter empfand ihre Serie als weibliche Antwort auf die Arbeiten des kalifornischen Konzeptkünstlers Mike Kelley, der sich mit ähnlicher Drastik mit der Psyche und Sexualität junger Mädchen beschäftigt hatte. Doch die New Yorker Kunstszene war damals für Hardcore-Pornos aus Frauenhand noch nicht reif. Die Kritiker zerrissen Minters Bilder, und man stempelte sie als Verräterin der Frauenbewegung ab.

15 Jahre sollte die Künstlerin brauchen, um sich von dem Absturz zu erholen. Dass Minter auf Konfrontationskurs blieb, machte ihr Comeback nicht einfacher. Doch dann stieg sie 2005 mit hyperrealistischen Gemälden von Augen, nackten Zehen und Perlenketten verschlingenden Mündern als "Überraschungssensation", so die New Yorker „Team“-Galerie, mit einer Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art in Amerika zum Star auf. 2006 bekam sie auf der Biennale im New Yorker Whitney Museum mit "Stepping Up" (2005), gemalten Nahaufnahmen von beschmutzten Fersen in Edelsandaletten, in denen eine Frau den gesellschaftlichen Aufstieg probt, mehr Beachtung als ihre jungen Kollegen. Im gleichen Jahr prangten ihre Fotografien von manikür­ten Füßen, die in High Heels durch Dreckpfützen staksen, auf Werbetafeln im Galerienviertel Chelsea. Glamour hat bei Minter vor allem eine dreckige Seite.

Zehn Assistenten sind in ihrem Atelier im New Yorker Garment District damit beschäftigt, Lagen von Lackfarben auf Metallplatten zu tupfen. Derweil fotografiert die Künstlerin, die trotz der familiären Atmosphäre klar der Boss ist, die Vorlagen für ihre Bilder. Ihr erster Assistent Johan Olander arbeitet seit 1992 mit Minter. Die restlichen Mitarbeiter fand die Künstlerin an der School of Visual Arts, an der sie seit 1986 unterrichtet. Dass sie als eine der wenigen weiblichen Künstler eine "Factory" betreibt, also eine Malfabrik wie etwa Jeff Koons, hat sich die 63-Jährige zur Mission erklärt. "Ich will meine Preise auf Höhe der Männer sehen", sagt Minter. "Im Alleingang schaffe ich ein Bild im Jahr. Mit dem heutigen Team bringen wir es auf fünf Arbeiten." Anfragen von Galerien und Sammlern hätte sie reichlich. "Es ist eine beneidenswerte Position. Aber ich verdiene dennoch nur ein Zehntel des Geldes, das meine männlichen Kollegen machen." Zu ihren Sammlern zählen Modedesigner Tom Ford, Baronin Marion Lambert, Roche-Erbin Maja Hoffmann und Madonna. Die Popikone nutzte Minters Videoarbeit "Green Pink Caviar", bei der sich Zungen auf einer Glasscheibe durch Flüssigkeiten und Zuckerperlen schlecken, 2009 als Hintergrund für ihre Europatournee. Auch der Düsseldorfer Sammler Thomas Olbricht ist ein be­­­kennender Minter-Fan. Als er seinen Kunstschauraum in Berlin eröffnete, zeigte er ei­­nige ihrer Arbeiten. Dort wurde Sammlerkollege Harald Falckenberg auf die Künstlerin aufmerksam. Und so entstand die Idee zu der 45 Werke umspannen­den Ausstellung in Falckenbergs Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg, die seit kur­zem zu den Deich­tor­hal­len gehören.

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Marilyn Minter

Ausstellung: 30. April bis 12. Juni, Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg.
Literatur: Marilyn Min­ter, Verlag Gregory R. Miller & Co 2010, zirka 45 Euro

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