Yto Barrada - Berlin

Auf sensibler Recherche

Yto Barrada wuchs in Paris und Tanger auf, sie selbst sagt: "Mein Nervensystem ist mit Tanger verknüpft." Die Deutsche Guggenheim zeigt nun ihre Fotografien und Filme aus dem marokkanischen Sehnsuchtsort

Tanger, das ist in der fiktiven Vorstellung vieler Europäer noch das von der Beat-Generation umschwärmte, wilde Arkadien. Der Ort, wo etwa das Schriftstellerpaar Jane und Paul Bowles in märchenhafter Umgebung erotisch wie literarisch seine Libertinage auslebte.

Allzu gerne würde man heute in Marokko aus touristischen Motiven dieses romantische Tanger-Bild wieder künstlich inszenieren. Die Künstlerin Yto Barrada wehrt sich ästhetisch erfolgreich gegen derlei Realitätsverfälschungen: "Die Vorstellung von einer aktuellen 'kulturellen Renaissance' in Tanger ist Propaganda."

Die Marokkanerin zeichnet in ihren seit den neunziger Jahren um Tanger kreisenden Fotografien und Filmen ein Stadtporträt, das trotz sichtlicher Spuren einer vernachlässigten Urbanität und ihrer entfremdeten Bewohner schönheitstrunken ist. Barrada ist nie im direkten Sinne dokumentarisch, sondern wirft aus den Randzonen einen Blick auf eine im Schwinden begriffene Kultur, die unter einem postkolonialen Trauma leidet: "Mein Nervensystem ist mit diesem Ort verknüpft, und ich weine, wenn ein Baum gefällt oder ein altes Krankenhaus abgerissen wird."

Die Deutsche Bank wählte Yto Barrada zur Künstlerin des Jahres 2011. Mit dieser Auszeichnung ehrt die Bank junge Künstlerinnen und Künstler, "die bereits ein außergewöhnliches Werk geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine wichtige Rolle spielen". Aus diesem Anlass ist ihr nun auch unter dem Titel "Riff" eine Einzelausstellung im Deutsche Guggenheim in Berlin gewidmet, die das Pendeln zwischen fotografischen Serien und aus Archivmaterial montierten Filmen rhythmisch nachvollzieht.

Yto Barrada, 1971 in Frankreich geboren, hat die doppelte Staatsbürgerschaft, wuchs sowohl in Tanger als auch in Paris auf. Der doppelte Blick des gleichzeitigen In- und Outsiders prägt ihre von Alltagsfassaden durchwirkten Szenerien. Sie klammert jeden Voyeurismus aus, schont die Identität der Orte wie der Menschen: Figuren wenden ihrer Kamera deshalb oft den Rücken zu, und auch die aufscheinenden Wohnsilos, Umweltzerstörungen, Industriebrachen, Spielplätze sind schwer lokalisierbar.

Und dann gibt es fotografische Momente, wo die Suche nach der verlorenen Erinnerung an das historische Tanger ins Abstrakte kippt. Jurymitglied Okwui Enwezor schreibt zu ihren wie von Farbfeldzonen durchzogenen Bildern: "Barrada hat ein Vokabular der räumlichen Recherche entwickelt, das sich in Gegensätzen vollzieht, indem sie abstrakte Prinzipien von Fortschritt und Entwicklung mit einer sensiblen Begierde verbindet ..."

Yto Barrada – Riff

Deutsche Guggenheim, Berlin, bis 19.6.2011

Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 35 Euro