American Folk Art Museum - New York

Keine United Colors of Venedig

Eigentlich wollte das American Folk Art Museum im Sommer endlich mal wieder positive Schlagzeilen produzieren. Eine große Street- und Folk-Art-Ausstellung sollte in Venedig für Aufmerksamkeit sorgen. Doch Widerstand in der Lagunenstadt brachte das Projekt zu Fall. Womit der wahre Ärger erst begann.
Abgang eines Museums:Das American Folk Art Museum zerfällt

Ansicht des American Folk Art Museum in New York. Demnächst zieht hier das MoMA ein.

Es klang von Anfang an nach einer vertrackten Mission: Anstatt zu Hause in New York das Budget aufzubessern, plante das mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende American Folk Art Museum seinen ersten großen internationalen Auftritt. In Zusammenarbeit mit dem italienischen Modeunternehmen Benetton wollte das Museum, das als die wichtigste Einrichtung für Naive Kunst in den USA gilt, im Juni acht unbekannte afroamerikanische Graffitikünstler und Outsider Artists bei der Biennale in Venedig vorstellen. Doch Benetton blies die Ausstellung zum Erstaunen aller kurzfristig ab.

Die große U.S.-Show sollte in der ehemaligen Warenbörse der deutschen Händler, Fondaco dei Tedeschi, steigen. Benetton hatte das historische Gebäude am Canal Grande kürzlich erworben und stellte einen Monat vor der geplanten Ausstellungseröffnung fest, dass die Renovierungsarbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen werden könnten und dass es unmöglich sei, die nötigen Baugenehmigungen einzuholen. So lautet jedenfalls die offizielle Begründung. Einer der Kuratoren, Carlo McCormick, vermutet, dass sich das Museum und das Modeunternehmen nicht bei den Finanzen einigen konnten. Es habe im Vorfeld viele Streitereien gegeben. Ansonsten munkelte man, dass Jeffrey Deitchs Graffiti-Ausstellung "Art of the Streets" im fernen Museum of Contemporary Art in Los Angeles etwas mit der Absage zu tun haben könnte. Seitdem die Ausstellung mit viel Furore in L.A. eröffnete, verschönern Graffiti-Künstler zum Ärger von Polizei und Konservativen, die Street Art als Schmierereien von Vandalen verachten, die Stadt. Es lässt sich denken, dass die Stadtverwaltung von Venedig nicht begeistert von amerikanischer Graffiti-Art auf ihren historischen Mauern gewesen wäre.

Für die Künstler und das American Folk Art Museum ist es ein harter Rückschlag. Dabei hatte Firmengründer Luciano Benetton sich als Fan des Museums bekannt. Die Ausstellung passt zu der Philosophie des Hauses, hieß es damals von Benetton. Die Modefirma würde dem Museum die Möglichkeit geben, Kunst auf einer Weltbühne vorzuführen, meinte Museums-Chefin Maria Ann Conelli und verkündete selbstbewusst: "Während sich Venedig lange damit gerühmt hat, die innovativsten Kunstwelten zu präsentieren, war der Ausschluss von autodidaktischen und Graffiti-Künstlern ein Versäumnis, das hiermit korrigiert wird." Die Kosten für den Auftritt waren auf bis zu 400&nbsP000 Dollar veranschlagt worden. Das Museum hatte Geld bei der Ford-Stiftung und privaten Spendern eingesammelt. Benetton wollte die Räume zur Verfügung stellen und die Eröffnungsparty ausrichten. Das kulturell engagierte Modehaus, das weltweit 6000 Läden betreibt, will das Fondaco dei Tedeschi in naher Zukunft in Läden und Ausstellungsräume umbauen lassen. Stararchitekt Rem Koolhaas legte erste Pläne vor. Doch diese stießen bei der Bevölkerung auf Widerstand, weil eine weitere städtische Institution samt Postamt in "einen Megastore" verwandelt wird, so der Bürgermeister.

Das Folk Art Museum, das 2001 sein neues Haus auf der 53rd Street neben dem Museum of Modern Art bezogen hatte und dafür einen Kredit von 32 Millionen Dollar aufnahm, hat da mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: Bereits seit einiger Zeit versäumt die Verwaltung, den Kredit abzuzahlen. Eine Rate vom 3,7 Millionen Dollar ist fällig. Das vergangene Steuerjahr wurde mit einem Millionen-Defizit abgeschlossen. Als der Hauptgönner des Hauses, Ralph Esmerian, der 20 Jahre im Vorstand saß, 2010 wegen Betrugs festgenommen wurde, verschlechterten sich die Finanzen schlagartig. Pläne, die Wal-Mart-Erbin Alice Walton als neue Finanzkraft zu gewinnen, scheiterten, nachdem sie in der Ausstellung von Henry Darger Bilder von nackten Kindern gesehen hatte. Museumsdirektorin Conelli verließ inzwischen das sinkende Schiff und trat nach sechs Jahren Amtszeit von ihrem Job zurück. Ende Juni feiert das Museum seinen 50. Geburtstag. Bis dahin bleibt es wohl turbulent: Am Dienstag meldete die New York Times, dass das Museum of Modern Art das Gebäude in der 53. Straße kaufen werde. Damit sei das Museum of Folk Art wieder schuldenfrei – könne aber nur noch in den kleinen Räumen am Lincoln Square ausstellen. Für das MoMA bietet der Kauf die Chance für eine weitere Expansion. Wann die Folk Art ausziehen muss, sei noch unklar. Fürs erste bleiben die Türen geöffnet.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de