Hans-Peter Feldmann - New York

Kunst wird die Welt, die Welt wird Kunst

Er hat sich immer wieder mit dem Zerrinnen der Zeit befasst und doch keine Lösung dafür gefunden, was Zeit sein kann. "Man muss sie einfach leben", meint Hans-Peter Feldmann, der die Kunstwelt seit 40 Jahren mit seinen Übungen zur Eigentherapie begeistert und im Alter von 70 Jahren mit dem Hugo-Boss-Preis und einer Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum geehrt wurde.

Im Laufe seiner Karriere sammelte der Düsseldorfer Künstler gefundene oder selbst fotografierte Bilder von Blicken aus Hotelzimmern, von Frauenmündern oder Autoradios, die im Moment der Aufnahme schöne Musik spielten. Seine Bilder sortierte und organisierte er nach allen möglichen Kategorien. In den Siebzigern schockierte er die Kunstwelt, als Galeristen, Freunde und Bekannte einen Umschlag mit brisantem Material erhielten. Es waren Fotos, die den Künstler beim Sex mit zwei Prostituierten zeigten und mit denen er auf die wahren menschlichen Abgründe in einem verlogenen Saubermann-Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg anspielte.

Hans-Peter Feldmann fotografierte einhundert Menschen im Alter von einem Jahr bis 100 Jahren und suchte Porträts von Opfern und Tätern zusammen, die dem Terrorismus in Deutschland zum Opfer gefallen waren. Den Inhalt des Kleiderschranks einer Frau sezierte er ebenso wie ein Pfund Erdbeeren, die er Beere für Beere fotografierte. Zu den aktuellen Passionen des Künstlers zählen Porträts oder Akte, die er bei Auktionen ersteht, um damit "Unsinn zu machen" und Handtaschen von Frauen. "Ich bin ein egozentrischer Mensch", sagt Feldmann. "Handtaschen faszinieren mich seit meiner Kindheit, weil wir nie in die Tasche meiner Mutter blicken durften." Elf Damen hat er für 500 Euro ihre Tasche mit komplettem Inhalt abgekauft, ihren Inhalt hütet der Künstler wie einen Schatz.

Der 1941 in Düsseldorf geborene Feldmann gab Ende der sechziger Jahre die Malerei auf, weil er nach eigenen Angaben kein Talent dazu besaß. Stattdessen widmete er sich der Arbeit mit fotografischen Bildern oder konstruierte Skulpturen aus Alltagsgegenständen und arrangierte Fundstücke in Vitrinen, um die Grenze zwischen Kunst und dem Leben aufzuheben. "Kunst ist für mich eine einfache Sache, die nicht nur in Museen oder Galerien passiert", sagt Feldmann. "Man benutzt sie, um ein Problem zu lösen. Und um bei anderen Emotionen hervorzurufen." Als zwei Menschen ihm erzählten, dass sie beim Anblick seiner Arbeiten weinen mussten, sei er stolz gewesen. "Ich hatte etwas richtig gemacht." Wenn man Kunst als grüne Wiese betrachtet, die mit einem Zaun umgeben ist, hinter dem die Welt stattfindet, sollte man einfach den Zaun abreißen. "Kunst wird die Welt, die Welt wird Kunst."

Dollarscheine an die Wand gepinnt

In der Vergangenheit hat sich Feldmann vom Kommerz in der Kunst distanziert. In den achtziger Jahren kehrte er seiner Arbeit sogar vollständig den Rücken und betrieb einen Trödelladen in Düsseldorf. So macht es Sinn, dass der Künstler die 100 000 Dollar Preisgeld, die mit dem Hugo-Boss-Preis kamen, in Form von gebrauchten, grünen Ein-Dollar-Noten, über 13 Tage von 20 Leuten im Ausstellungsraum des Guggenheim Museum an die Wände pinnen ließ. Die Scheine bedecken den kompletten Saal wie die Schuppen eines Fisches, sie umranken eine Säule und verwandeln den Raum in eine grüne Wiese der Kunst. Es handelt sich um eine einmalige Installation, zum Ende der Ausstellung Anfang November lässt Feldmann die Scheine wieder einsammeln.

Er ist der älteste Künstler, dem der 1996 initiierte Hugo-Boss-Preis verliehen wurde. In der Vergangenheit ging er an Kollegen wie Matthew Barney, Douglas Gordon oder Emily Jacir. Jungen Künstlern gab der 70-Jährige, der trotz Sabbatical äußerst geschäftig ist, folgenden Rat mit auf den Weg: "Lest keine Kunstbücher, besucht keine Kunstschulen. Hört nicht darauf, was andere über Kunst sagen, sondern macht sie einfach."

"The Hugo Boss Price 2010: Hans-Peter Feldmann"

Daten: bis 2. November, Guggenheim New York
http://www.guggenheim.org/new-york/exhibitions

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