Brancusi und Serra - Fondation Beyeler

Die Masse zum Fliegen bringen

Wo Brancusi dem Material seine Schwere nahm, wird es bei Serra wuchtig, fast monströs. In der Fondation Beyeler treten zwei Meister der modernen Skulptur in einen stillen Dialog

Der eine träumte davon, eine unendliche Säule in den Himmel wachsen zu lassen und seinen Skulpturen jedes Gewicht zu nehmen. Dem anderen konnten seine tonnenschweren Strukturen nicht nahe genug bei der Erde sein. Constantin Brancusi (1876 bis 1957) und Richard Serra (geboren 1939) stehen für zwei Möglichkeiten der Skulptur in der Moderne, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein könnten.

Der Rumäne wird in Paris zum Vater der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts, der Amerikaner behauptet an dessen Ende unverdrossen die Wirkungsmacht einer Gattung, die sich immer wieder von den leichtfüßigeren Formen, etwa der Fotografie, des Videos und der Performance, bedrängt sah. Dass beide Positionen zusammen gehören, dass Brancusi und Serra über Jahrzehn­te hinweg in einem stillen Dialog verbunden sind, möchte Kurator Oliver Wick mit einer großangelegten Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigen. Brancusis schwereloser Weltenvogel ist Teil der Sammlung, die Ernst und Hildy Beyeler hinterlassen haben. Werke Serras waren zentrale Ankerpunkte der zweiteiligen Ausstellung, die Ernst Beyeler 1984 im öffentlichen Raum in Basel zur Skulptur im 20. Jahrhundert mitveranstaltet hat.

Stützen kann sich das neue Ausstellungsprojekt auf Aussagen von Richard Serra selbst. Hat er doch 1983 im Gespräch mit Alfred Pacquement, dem Direktor des Pariser Centre Pompidou, dem gestorbenen Kollegen sogar das eigene Erweckungserlebnis bescheinigt: "Ich hatte überhaupt kein Verständnis von Skulptur. Was mich an Brancusi interessierte, war, wie er Volumen erzeugen konnte durch die Linie einer Kante, kurz: die Bedeutung von Zeichnung in seiner Skulptur." Serra beendete daraufhin seine Studienversuche mit Malerei und wandte sich der Bildhauerei zu.
Besonders fasziniert hat ihn in der Folgezeit neben der räumlichen Kraft der Linie die Anordnung von Sockeln und Skulpturen zu ganzen Arrangements, die Brancusi in seinem Atelier vorgenommen und auf Fotos festgehalten hat. Skulptur ist da weit über ein einzelnes Werk hinaus ein raumschaffendes Kraftfeld, das unsere visuelle und körperliche Wahrnehmung verändert, während wir uns um sie herum bewegen. Mit solchen Kraftfeldern verführt und irritiert uns Serra seit vielen Jahrzehnten, auch wenn sie bei ihm anders gelagert sind.

Die Ausstellung möchte jedoch nicht nur die Bezüge zwischen beiden Positionen erfahrbar machen, sondern auch ihre Gegensätze und Distanznahmen. Anhand ausgewählter Werkgruppen sind die Skulpturen Brancusis und Serras bald miteinander, bald nacheinander zu erleben. Die Köpfe und Kussdarstellungen stehen für die Verdichtung bei dem Rumänen, die hängenden Gummigürtel, die Stahl- und Bleiplatten Serras ziehen den Raum auseinander. Transzendenz, Überwindung der Schwere, wird letztlich auch hier zum Ziel.

Constantin Brancusi und Richard Serra

bis 21. August 2011 in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel
http://www.fondationbeyeler.ch/

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