Neo Rauch - Baden-Baden

Ein Trommler ohne Ton

Das Museum Frieder Burda Baden-Baden zeigt eine Retrospektive von Neo Rauch. Der Maler hat sich in den vergangenen Jahren malerisch entwickelt und ist selbstbewusster geworden. Und trotzdem verrät die Chronologie, dass Rauchs Methode, alles und jedes wie im Traum zu collagieren, in der Summe beliebig wirkt.

Sie fliegen und hüpfen, gleiten und schweben. Bloß: Wie macht man das als Mensch, drei Meter über dem Fußboden zu verharren, leicht wie ein Vöglein im Wind? Für Neo Rauch ein Kinderspiel. Er öffnet Hausfassaden und schrumpft Männer auf Puppengröße. Flüsse fließen den Berg hinauf, und Treppen verlieren sich im Nirgendwo.

Neo Rauch ist ein Magier, der in seiner Malerei versiert die Logik überlistet. Er verschränkt Innen- und Außenraum, verschmilzt Architektur und Natur oder setzt Männern zwei Köpfe auf die Schultern. Er ist ein Routinier und weiß, wie man Objekte auf der Fläche so collagiert, dass die Brüche und Kanten geschmeidig werden, aber doch sichtbar bleiben. Neo Rauch hat schließlich nie etwas anderes getan.

Im Museum Frieder Burda ist dem Leipziger Maler nun eine Retrospektive gewidmet, die zwar leider nicht seine frühen Werke und die Studienzeit dokumentiert, aber doch die Entwicklungslinien des Werkes nachzeichnet, das heute als Blue Chip gehandelt wird. So überschaubar die Ausstellung mit nur 40 Werken ist, sie genügen, um in den traumartigen Kosmos einzutauchen, in dem die Figuren marionettenhaft von fremden Mächten bewegt werden. Auf dem Bild "Vorführer" von 1997 ist der Filmvorführer eine Art Anziehpuppe, wie aus dem Bastelbuch ausgeschnitten.
Doch so geheimnisvoll und verstörend Rauchs Bildwelten sind, beim Rundgang tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Man ahnt die Abgründe hinter diesen extrem konstruierten, surrealen Arrangements, aber in der Summe verlieren sie an Schlagkraft, zumal das Gros der Leihgaben sowie die Werke aus der Sammlung von Frieder Burda schon andernorts ausgestellt waren. Rauchs Methode, erzählerische Fährten zu legen, aber auf jeden Bedeutungszusammenhang zu verzichten, führt zu Beliebigkeit. Rauch schöpft aus dem kollektiven Bildgedächtnis von BRD und DDR, greift auf Techniken der sozialistischen Propagandakunst, der Werbe- und Comic-Ästhetik und der Pop-Art zurück. Und sagt damit doch nichts.

In der "Waldmann" (2003) kontrastiert er eine romantische Stimmungslandschaft mit fensterloser Architektur – eine unheimliche und abgründige Vision, die das Gefühl evoziert, haltlos und verloren zu sein. Aber gerade wenn er konkret historische Versatzstücke verwendet – Kleidung, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Container, wenn er Typen wählt wie Mönch, Bauer, Revolutionär, Arbeiter, Jäger, so scheint es, als trommle hier einer energisch, dem der Ton abgestellt wurde. Nichts zu dechiffrieren, es bleibt das Spiel mit Erinnerungsfetzen, die konsequent der Malerei unterordnet werden.

Interessanter ist es, Neo Rauchs Entwicklung in der von Werner Spiess chronologisch präsentierten Ausstellung zu verfolgen. Zögerlich und behutsam nutzt Rauch Anfang der neunziger Jahre noch die malerischen Mittel, es ist ein vorsichtiges Herantasten an seine Neuauflage des Surrealismus. "Hotel" von 1995 trennt noch klar drei Bildzonen, die separiert wie Zimmer in einem Gebäude wirken. Hier ist einer noch auf der Suche, er arbeitet seine kühnen Visionen noch nicht mit dem Selbstbewusstsein und der Routine durch, die heute in den Bildern regieren.

Mit der Jahrtausendwende kommt Farbe in die zunächst brauntonige Palette. Starke, kräftige Töne bringen die Bilder förmlich zum Erblühen, während die Arbeiten jüngerer Zeit wieder düster werden, ein bräunlicher Atelierton lässt sie altmeisterlich wirken. So belegt die Chronologie, dass Rauch sich entwickelt, dass er immer versierter schichtet und schachtelt und Figuren und Objekte raffiniert verzahnt. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Rauch eine Methode gefunden hat, die malerisch dankbar ist und, wie er sagt "vitale Kräfte birgt". Er werde mit dieser Methode wohl kaum an ein Ende kommen, in der Rezeption der Bilder kommt man dagegen immer schneller ans Ende, und es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass hinter dieser versierten, spannungsreichen Malerei inhaltlich doch immer nur das Nichts gähnt.

Neo Rauch

bis 18. September 2011 im Mudeum Frieder Burda
http://www.museum-frieder-burda.de

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