Serious Games - Darmstadt

Die Militarisierung der Fantasie

In einer Zeit, in der Kriege in der Virtualität der Medien zu verschwinden drohen, macht eine Schau in Darmstadt die Schauplätze wieder sichtbar – und lässt art-Autor Thomas Wagner ahnen, wie blutig und grausam die Wirklichkeit allemal ist

Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner schaut hin. In der Mediengesellschaft scheint das unmöglich. Tagtäg­lich werden wir mit Bildern von Kriegen konfrontiert. Oft erscheinen sie sogar mächti­ger als das Ereignis, von dem sie berichten. Die Wirklichkeit scheint verschluckt worden zu sein.

Es kommt selten vor, dass einer lange geplanten Ausstellung eine brisante Aktualität zuwächst. Bei "Serious Games. Krieg – Medien – Kunst" ist, durch die Umwälzun­gen in der arabischen Welt und das Eingreifen westlicher Staaten in Libyen, genau das eingetreten. Dabei ist die von Antje Ehmann und dem Künstler Harun Farocki kuratierte Schau alles andere als ein Kommentar zum Krieg Gaddafis gegen sein Volk. Nicht Berichte der Tagesschau oder schockierende Videos von Greueltaten stehen auf dem Pro­gramm. Vielmehr unterwandern die ge­zeigten Arbeiten den Schein, den die allgegenwärtigen Kriegsbilder erzeugen. Indem sie zerlegen, montieren, verlangsamen und kommentieren zeigen sie auf, wie Bilder des Krieges permanent in Unterhaltungsbilder verwandelt werden, wie sie unsere Fantasie besetzen und manipulieren. Indem sie eben dies analysiert, versucht die Ausstellung einen Krieg, der in der Virtualität der Medien zu verschwinden droht, wieder sichtbar zu machen.

Wie aber kommt die Kunst dem Krieg als Medienschauplatz bei? Oliver van den Berg führt einfach die mediale Apparatur vor: Kameras als Waffen, scheinbar harmlos aus hellem, warmem Holz. Andere setzen auf die Kraft der Aufklärung: Ingo Günther, in­dem er leuchtende Globen mit Daten und Fakten bestückt, Richard Hamilton, indem er Blut aus dem Fernsehmonitor quellen lässt, Martha Rosler, indem sie die Bilder des Krieges ins Wohnzimmer zurückholt. Wael Shawky verwandelt ein Interview, das er in einem palästinensischen Flüchtlingslager geführt hat, in ein Animationsvideo. Erst die media­le Distanz gibt den Sprechenden Stimme und Würde zurück. Ikonoklastisch agieren die zwei Fotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin, die als "eingebettete" Journalisten in Afghanistan waren: Sie haben einfach 50 Meter Fotopapier in der Sonne belichtet. Jedes andere Bild wäre für sie eine Lüge gewesen.

Spätestens wenn man verfolgt, wie Jean-Luc Godard ein Foto aus dem Jugoslawienkrieg mit Auge und Wort so lange abtastet, bis es die in ihr verkapselte Realität preisgibt, beginnt man zu begreifen: Die Wirklichkeit ist allemal blutig und grausam. Gegen die Militarisierung unserer Imagination hilft wohl nur eines: genau hinschauen. Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner schaut weg.

Serious Games

bis 24. Juli 2011, Mathildenhöhe Darmstadt
http://www.mathildenhoehe.info