Bella Italia - Turin

Ein Königreich der Kunst

Während Sorgen das Land drücken, feiert Italien mit einer riesigen Schau exzellenter Kunstwerke seinen nationalen Zusammenhalt. "La Bella Italia" ist darum vor allem eine politische Schau, meint art-Korrespondentin Ute Diehl
Geburtstagsfest:eine politische Schau

Bernardo Bellottos Blick aus dem königlichen Garten in Turin: “Veduta di Torino dal lato del Giardino Reale”, 1745, Öl auf Leinwand

Als 1861 unter der Dynastie der Savoyer das Königreich Italien ausgerufen wurde, kam zunächst nur Turin als Hauptstadt in Frage, bevor neun Jahre später das Machtzentrum nach Rom verschoben wurde. Turin hat sich jetzt zum 150. Jahrestag der italienischen Staatsgründung die alte Vorherrschaft zurückerobert und bietet mit dem riesigen, Versailles nachgebauten Jagdschloss der Savoyer vor den Toren der Stadt den angemessenen Rah­men für eine Schau, die sich in dieser Qualität wohl kaum noch einmal wiederholen wird. I

n einem Moment, in dem viele
Sorgen das Land drücken – die Lega Nord will den Zentralstaat abschaffen, die organisierte Kriminalität greift um sich – kommt eine Ausstellung mit dem Titel "La Bella Italia", die 350 exzellente Kunstwerke aus allen Teilen des Landes von der Antike bis zum Risorgimento zeigt, im rechten Augenblick. Auch der Ausstellungsort, diese Königsresidenz, die heute zum UNESCO- Weltkulturerbe gehört, könnte schöner nicht sein.

Als architektonisch eindrucksvoll, doch gänzlich ungeeignet für eine Ausstellung von Gemälden erweisen sich allerdings die über 100 Meter langen, von Barockbaumeister Juvarra entworfenen Pferdeställe und die parallel dazu laufende Orangerie. Aus unerfindlichen Gründen wurde mit der Ausstellungsgestaltung der für aufwendige Bühnenbauten berühmte Starregisseur Luca Ronconi beauftragt. Durch den mit künstlichem Rasen ausgelegten Langbau zieht sich nun eine unregelmäßige, geweißte Backsteinmauer, auf der allerdings herrliche Werke von Botticelli, Tintoretto, Veronese, Carpaccio, Tiepolo, Guercino, Guido Reni und Bronzino hängen.

Die elf in den vergangenen Jahrhunderten wichtigsten Kunstzentren Genua, Turin, Mailand, Venedig, Parma, Modena, Florenz, Bologna, Rom, Neapel und Palermo präsentieren in getrennten Sektionen ihre kulturelle Vielfalt, auf der heute die Identität Italiens beruht. Ein Heer von Kunsthistorikern hat lange darüber diskutiert, auf welche Kunstwerke Italien seine immense Kunstgeschichte reduzieren könnte. Keine leichte Entscheidung. Denn am Ende feiert diese Ausstellung Italien und ist somit in gewisser Hinsicht auch eine politische Kunstausstellung.

La Bella Italia. Kunst und Identität der Hauptstädte

Turin/Venaria Reale, Reggia di Venaria. Bis 11.9.
Der Katalog erscheint im Verlag Silvana, 35 Euro



http://www.lavenaria.it/mostre/ita/mostre/archivio/2011/bella_italia.shtml

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