Bernhard Heisig - Nachruf

Zwischen Anpassung und Widerspruch

Er war einer der wichtigsten Vertreter der DDR-Kunst: Jetzt ist der Maler Bernhard Heisig im Alter von 86 Jahren gestorben.
Reich an Brüchen:Zum Tod des wichtigen DDR-Künstlers Heisig

Der Maler Bernhard Heisig in seinem Haus in Strodehne nahe Rhinow (Land Brandenburg), aufgenommen im Mai 2010. Heisig gehörte zu den wichtigsten Künstlern der DDR.

"Es gibt eine Sünde, die nicht verziehen wird, das steht in der Bibel: Das ist die Sünde wider den Geist. Gegen Dich selbst zu sündigen, das bezahlst Du. Da muss ich mir nicht so viel vorwerfen." Mit solchen Worten blickte Bernhard Heisig kürzlich auf sein langes Leben zurück. Spricht aus den biblischen Tönen die Sehnsucht, einem Dasein und Schaffen voller Widersprüche eine versöhnliche Deutung zu geben? Wir können Bernhard Heisig selbst nicht mehr fragen, letzten Freitag starb der Großmaler in seinem Brandenburger Wohnort Strohdehne. Selbst ohne seine fulminanten Gemälde wäre bereits sein Lebenslauf ein beredtes Zeugnis deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts und Stoff für Literaten sowie Historiker: reich an Brüchen und Anekdoten.

1925 als Sohn eines Freizeitmalers in einem Vorort von Breslau geboren, liest er Erich Maria Remarques Antikriegsbuch "Im Westen nichts Neues" und meldet sich doch im Dezember 1941 als Sechzehnjähriger freiwillig zur Wehrmacht. Das Kriegserleben wird ihn auch künstlerisch niemals loslassen, fast sieben Jahrzehnte danach erklärt er: "Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen Kriege erfinden, weil sie Angst vor dem Tode haben." Die hatte er damals noch nicht, denn dazu gehört Phantasie – wie er später herausfindet. Als Angehöriger der Waffen-SS fährt er Panzer in Belgien und Frankreich, nimmt im Winter 1944 an der Ardennenoffensive teil. In Kriegsgefangenschaft geht er nur kurz, malt bis 1947 Plakate für das polnische Propagandaministerium.

Nach der Ausweisung seiner Familie aus Polen beginnt er an der Kunstgewerbeschule Leipzig eine Ausbildung und wird Mitglied der SED. Etwas später entdeckt ihn der charismatische Lehrer und Lebemann Max Schwimmer, er holt ihn an die Leipziger Kunsthochschule und entflammt den jungen Heisig für die Werke der Moderne. Max Beckmann und vor allem Oskar Kokoschka nennt Heisig immer wieder als Vorbilder. Als ihm in den fünfziger Jahren die offiziellen Formalismusverdikte und das Misstrauen gegenüber der von ihm bewunderten Avantgarde künstlerisch die Luft abschnüren, setzt er sich gelegentlich verbal zur Wehr. Von seinem sozialistischen Idealismus kann ihn das jedoch nicht abbringen – nach Stalins Tod trägt ihn das so genannte "Tauwetter" nicht nur auf einen Professorenposten an der Leipziger Kunsthochschule, sondern 36-jährig auch gleich auf den Rektorensessel.

Heisig will unbedingt an den Kommunismus glauben und aber auch daran, dass dieser nur mithilfe von mündigen Bürgern zum Sieg geführt wird. Als er im März 1964 auf einem Künstlerkongress Eigenverantwortlichkeit für Künstler fordert, wird er kurzerhand abgesetzt – jedoch nicht seines Professorenamts enthoben, Walter Ulbricht will keine Märtyrer im Kulturkampf. Er sei nur nicht verzweifelt in dieser Zeit, sagte Heisig, weil er "unerbittlich" an sein "Talent glaubte. Weil ich wusste, dass ich mehr kann als die Meisten." Krieg, Zerstörung und gescheiterte Ideale bleiben auch damals seine Themen. Weil den Offiziellen seine malerische Auffassung der Pariser Kommune zu pessimistisch war, ringt er sich 1972 zu einem heroischen vierteiligen Gemälde dazu durch, das er später als "Fehlgriff" und einen "Verrat an der Wahrheit" bedauert. Sei’s drum, man betrachtete Bernhard Heisig wohl nun als geläutert, und so wird er 1976, ausgerechnet im Jahr der Biermann-Ausbürgerung, unter Erich Honecker wieder ins Leipziger Rektorenamt befördert. Es regnet Auszeichnungen, Preise, und spätestens ab diesem Zeitpunkt gilt der einstige Querulant als Staatkünstler der DDR, wird in einem Atemzug mit Werner Tübke, Willi Sitte oder Wolfgang Mattheuer genannt. Auch der Westen wird jetzt auf die Leipziger Figurativen aufmerksam. Als Manfred Schneckenburger Heisig und Kollegen auf die Documenta 6 nach Kassel einlädt, sagen Georg Baselitz und Markus Lüpertz demonstrativ ihre Teilnahme ab. Eduard Beaucamp, westdeutscher Kunstexperte und früher Apologet der DDR-Kunst, beschuldigt die mächtigen, aus der DDR emigrierten Malerfürsten wie Baselitz und Gerhard Richter: Durch deren Seilschaften gäbe es bis heute einen grotesken Boykott der wichtigen DDR-Maler in westlichen Museen.

Mit Bernhard Heisig starb der letzte der damals gern zu einer ostzonalen "Viererbande" gebündelten Künstler – Grund genug, die alten Grabenkämpfe noch einmal heraufzubeschwören. Und außerdem, so Beaucamp, halte er "Heisig für viel bedeutender als Baselitz, viel reflektierter." Das fand offenbar auch Helmut Schmidt, als er Heisig 1984 bat, sein Porträt fürs Kanzleramt zu malen. Als hervorragender Porträtist, der er war, fängt Heisig den unruhigen Geist Schmidts mit flackernden, pastosen Pinselstrichen ein und lässt einmal mehr die besonders von Kokoschka entlehnte seelische Tiefenschärfe aufscheinen. Ebenso sensibel malt er Peter Ludwig (seinen wichtigen Sammler, 1983), Ausnahme-Journalist Henri Nannen (1989) oder den tschechischen Dirigenten Vaclav Neumann (1973). Gleichzeitig geht er gar nicht zimperlich mit seinem eigenen Konterfei um: "Selbst als Puppenspieler" (1982) zeigt den Künstler mit dem Tod als Marionette. Ein Hinweis auf Zweifel an Idealen und Kompromissen? War ihm die eigene Kehrtwendung unheimlich, die Nähe zum Regime ein faustischer Pakt?

Als er 1997 zur Ausstattung des Bundestags eingeladen wird, entbrennt eine wilde Debatte: Eine staatstragende Figur wie Heisig habe in freiheitlich-demokatischen Gefilden nichts zu suchen und schon gar nicht in Nachbarschaft zum Chemnitzer Dissidenten Carl Friedrich Claus. Heisig übersteht auch das und bezeichnet das expressive Historienbild "Zeit und Leben" für die Parlamentskantine als einen von lediglich zwei Staatsaufträgen, die er in seinem Leben je angenommen habe. Ein eher schwaches Argument, angesichts der flächendeckenden DDR-Kunstförderung und Heisigs offensichtlichen Privilegien. Hier wollte sich einer nichts vorwerfen lassen und nicht "gegen sich selbst sündigen". Wie erfolgreich diese Strategie letztlich war, entscheiden Nachgeborene – sekundiert von einem gewaltigen Werk.

Der erste dieser beiden Staatsaufträge entsteht 1976 für den Berliner Palast der Republik: Der jugendliche Abenteurer Ikarus stürzt öffentlich ab und verkörpert so gar nicht staatstragende Ideen des Scheiterns. Antike Mythologie galt vielen DDR-Zeitgenossen der siebziger Jahre als symbolische Bühne, auf die Zensoren nicht ohne Weiteres Zugriff hatten. Wie Botschaften zwischen den Zeilen verklausulierter literarischer Texte damals, so konnte man auch hier die Zweifel des Malers am Erfolg des Kommunismus mühelos lesen. Bis zuletzt hielt Bernhard Heisig mit seinen Gemälden an lesbaren politischen Statements fest, wie zwiespältig diese auch immer ausfielen. Wenn man heute die oft blutleeren, eskapistischen Figurationen der so genannten Neuen Leipziger Schule betrachtet, so wird im Vergleich offenbar, wie wenig sich Heisig um die Propaganda-Paranoia nach dem Mauerfall scherte. Der alte Kämpe kränkelte nicht an des Gedankens Blässe, sondern grub sich unverdrossen und beherzt durch die Irrtümer deutscher Geschichte und der eigenen Biografie. Das macht seine Größe aus, wenn auch er zeitlebens an einem dem Expressionismus verpflichteten Stil festhielt: ein deutscher Maler viel mehr als ein DDR-Künstler. Anfang Dezember 1989 gibt er die DDR-Orden zurück und erklärt dazu: "Das mir bekannt gewordene Ausmaß von Machtmissbrauch und Korruption in der ehemaligen Führungsspitze der DDR lässt mich die unter der damaligen Führung…mir erwiesenen Ehrungen nicht mehr als solche empfinden."

Eine späte Kehrtwende, wie viele Kritiker fanden und ein erneuter biografischer Widerspruch, den es malerisch zu bewältigen galt. Noch bis vor Kurzem konnte man den hellwachen Greis mit dem anachronistischen Kinnbart vor seinen Leinwänden antreffen. Das Leben im Rollstuhl war hier kein nennenswertes Hindernis. Hans Werner Schmidt, Direktor des Leipziger Museums für Bildende Künste, richtete ihm 2006 dort eine Retrospektive aus, die nach Düsseldorf und Breslau wanderte: ein deutscher Maler zwischen Zukunft und Vergangenheit. Schmidt erinnert sich an eine verwegene hydraulische Konstruktion im Atelier, durch die Gemälde versenkt und damit auch die oberen Partien noch bearbeitet werden konnten.

Um Bernhard Heisig trauern einstige Weggefährten und Schüler wie Hartwig Ebersbach, Arno Rink, Sighard Gille, Neo Rauch und viele andere.

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