Rebellinnen - Mannheim

Die unbequemen Frauen

Ein Phänomen – zum ersten Mal in den alten Bundesländern dokumentiert.

Die Performancekünstlerin Christine Schlegel, Mitte der achtziger Jahre von der DDR in die BRD gewechselt, zeigte 1987 auf einem Filmfestival einen ihrer frühen Experimentalfilme. In dem wird der Hauptdarstellerin ein Stück roter Stoff zwischen den Schenkeln hervorgezogen.

Das feministisch geschulte Publikum West hielt dies für eine Metapher für Weiblichkeit und Symbol für Menstruation – Schlegel wunderte sich: Der rote Stoff symbolisiere die rote Arbeiterfahne, die nach langem Missbrauch durch sozialistische Ideologie neu geboren werden sollte.

Zwar hatten Künstlerinnen in Ost und West gleichermaßen mit der Unterrepräsentation innerhalb der Kunstszene und mit der Dominanz der Männer zu kämpfen. Das Missverständnis aber machte auf einfache Weise klar, welche Unterschiede zwischen Frauenkunst West und Frauenkunst Ost auszumachen sind: Während die westdeutsche Frauenkunst sich straff am feministischen Diskurs orientierte, thematisierten die Künstlerinnen in der sozialistischen DDR auch ihre Rolle im Kontext des abgeschotteten Staates und die erschwerten Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler, die nicht der offiziellen Kunstauffassung entsprachen.

Eine Ausstellung, die von der Kunsthistorikerin und art-Korrespondentin Susanne Altmann für die Kunsthalle Mannheim kuratiert wurde, "ist ein Versuch, den radikalen Veränderungen in der künstlerischen Behandlung von Weiblichkeit während der späten DDR-Jahre" auf die Spur zu kommen (Altmann). Die künstlerischen Ansätze sind höchst unterschiedlich. Angela Hampel etwa wurde, so Altmann, "früh zu einer unbequemen Fragestellerin und
hat die Antworten, die ihr das System schuldig blieb" malend selber gegeben. Starke Frauen der Mythologie, die an der Männerwelt scheiterten, tauchen in ihren Bildern auf – Penthesilea, Medea, Kassandra. Die Aktionen des einzigen weiblichen Mitglieds der Dresdner "Autoperforationsartisten", Else Gabriel, sind zwischen "Schmerz und Lust, Attraktivität und Abscheu" (Altmann) angesiedelt; für "Alias oder Die Kunst der Fuge" tauchte sie ihr Haar in eine Mischung aus Fruchtgummimasse und Rinderblut – als Lockmittel für Fliegen. Andere wählen das Medium Super-8-Film: Gabriele Stötzer etwa verarbeitete das Erleben von "Tiefe, Leidenschaft und Unverwüstlichkeit", die sie als politische Gefangene durch ihre Mithäftlinge im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck erfahren hatte.

Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR

Mannheim, Kunsthalle
bis 9.10.

Der Katalog kostet 7,50 Euro

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