Out of Storage - Maastricht

Spätes Glück des Schnäppchenjägers

Seit 1983 sammeln die französischen Fonds régionaux d’art contemporain zeitgenössische Kunstwerke, um sie zu verleihen und öffentlich zugänglich zu machen. Die schönsten Stücke aus der Collection FRAC Nord – Pas de Calais sind jetzt in einem renovierten Industriegebäude im niederländischen Maastricht zu sehen

In den achtziger Jahren versuchte der französische Kultusminister Jack Lang, das auf Paris fixierte Kulturleben umzukrempeln und rief dazu die Fonds régionaux d’art contemporain ins Leben.

Die 22 Standorte der FRAC finden sich durchweg in der Provinz und kommen ihrem Auftrag, die zeitgenössische Kunst möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, nach, indem sie Werke ankaufen, um sie zu verleihen. Zu den umtriebigsten Dependancen gehört die Collection FRAC Nord – Pas de Calais in Dünkirchen. In ihren Depots lagern bis zu 1500 reisefertig in Kisten verpackte Werke, mit denen man problemlos eine Documenta-Retrospektive bestücken könnte.

In dieser fände sich dann Andy Warhols "Electric Chair"-Serie, ein Marcel-Broodthaers-Kabinett, fünf visuelle Gedichte von Blinky Palermo, Liam Gillicks "Think Tank", zwei abstrakte Großformate von Gerhard Richter und und und. Geradezu sensationell erscheint diese Sammlung, wenn man sich den Ankaufsetat anschaut: Seit der Gründung 1983 wurden laut Hilde Teerlinck, der amtierenden Direktorin des FRAC Nord – Pas de Calais, lediglich 6 Millionen Euro investiert; ihr selbst stehen jährlich 280 000 Euro zur Verfügung. Es ist klar, dass man bei diesem "Taschengeld" automatisch zum Schnäppchenjäger wird, auf einen guten Riecher und Freundschaftspreise hoffen muss und sich eher auf Früh- und Nebenwerke konzentriert. Der FRAC in Dünkirchen ließ sich deshalb über die Jahre von Experten wie Jan Hoet und Robert Fleck beraten und ist damit wahrlich nicht schlecht gefahren.

FRAC-Kunst in Europas größtem temporären Museum

Dass Hilde Teerlink ihre Depots nun für eine einzige Ausstellung öffnet, liegt am niederländischen Marres Project. Dessen Leiter Guus Beumer fand in Maastricht ein renoviertes altes Industriegebäude und suchte nach einer Möglichkeit, dessen gut 5000 Quadratmeter adäquat zu füllen. Herausgekommen ist dabei "Out of Storage", Europas größtes temporäres Museum, so die Eigenwerbung, und eine Ausstellung, deren gut 300 "Nebenwerke" einen immer wieder staunen lassen. So würde man den Konzeptkünstler Hans Haacke wohl kaum mit dem in seiner Einfachheit bezaubernden, weil von einem Ventilator geblähten "Blauen Segel" (1965) in Verbindung bringen, und Bruce Naumans "Violent Incident Man/Woman Segment" (1986) ist so verspielt, dass man die aus dem Ruder laufende Einladung zum Essen beinahe für eine Slapstick-Hommage halten könnte.

Von Maurizio Cattelan ist eine schöne Parodie auf Lucio Fontanas Schnittbilder zu sehen: Er hat eine blutrote Leinwand in Zorro-Manier mit einem "Z" signiert. Jüngeren Datums ist die zum Kreis gebogene Leitplanke von Julien Prévieux. In seinem "Glissement" (2004) lässt sich eine Dada-Skulptur entdecken, die etwas Alltägliches lustvoll ad absurdum führt, oder auch eine Anspielung auf den Teufelskreis der autogerechten Welt.

"Out of Storage" führt aber nicht nur das Glück des Schnäppchenjägers vor, der sich völlig zu Recht in seinem guten Riecher bestätigt fühlt. Die Kuratoren versuchen vielmehr, das gesamte Arbeitsspektrum der FRAC abzubilden. Also wird die Schau von Vorträgen, Workshops, Performances und allem anderen begleitet, das das tägliche Brot eines FRAC-Standorts darstellt. Die vielfältige Verleiharbeit soll durch verschiedene Austellungsrouten ("A 15-Minute Walk of Fame", "An Alternative History", "The Literary Route") anschaulich werden, zudem ist geplant, zahlreiche Werke zur Halbzeit der bis zum 18. Dezember 2011 laufenden Ausstellung auszutauschen. Und da man sich ziemlich sicher sein kann, dass auch die zweite Tranche der FRAC-Sammlung lohnt, ist Maastricht derzeit gleich doppelt die Reise wert.

Out of Storage

Die Ausstellung der FRAC-Werke im temporären Museum "Out of Storage" ist bis zum 18. Dezember 2011 in der Timmerfabriek Maastricht zu sehen.
http://www.outofstorage.nl/en/

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