Dieter Meier - Hamburg

Glückspilz

Seine Lieder waren Hits der 80er und 90er, dienten als Soundtrack von "Miami Vice" und "Ferris Buellers' Day Off", doch Dieter Meier lief auch als Konzeptkünstler zu Hochform auf. In der Sammlung Falckenberg sind nun seine gesammelten Werke "1969 - 2011" zu sehen. Ein Gespräch mit Dieter Meier über Zweifel und Zufall.

Die Ausstellung heißt "Dieter Meier: Works 1969-2011 And The Yello Years" – sie könnte auch heißen "Dieter Meiers Leben", weil sie alles zeigt, was Sie gemacht haben: Performances und Musikvideos, Fotos und Filme, Texte und vieles mehr. Wie wollen Sie bloß Arbeiten aus 42 Jahren Leben zeigen?

Dieter Meier: Das ist ganz einfach, weil ich offensichtlich über die letzten 42 Jahre diese Spur zurück gelassen habe. Die mir persönlich nicht so bedeutend ist.

Aber der Kurator Stefan Zweifel hat in den Archiven alle diese Dinge wieder ausgegraben. Und so heißt die Ausstellung zu Recht "1969-2011". Sie könnte unter keinen Umständen "mein Leben" heißen, weil ich diese Produkte klar als zufällig entstandene Dinge sehe und biografisch nicht mit meinem Leben vermischen möchte. Kunst kann allenfalls Ausdruck der gesamten Erfahrung sein, aber nicht Abbild der Verarbeitung von irgendetwas.

In Ihrem Fall gar nicht so einfach, Ihre Kunst von Ihrer Person zu lösen, weil Sie als Performancekünstler ständig in Ihren Werken präsent sind.

Das sehe ich ganz anders.

Wie denn?

Ich sehe das als Malerei. 1974 habe ich in einem Museum 48 Persönlichkeiten mit meiner eigenen Visage dargestellt – das wird immer wieder verwechselt. Ich stelle andere Charaktere dar und nicht meine Person. Das ist ein totales Missverständnis, wenn man glaubt, dass sei die Regie, der Aspekt eines Dandys oder irgendeine Form der Selbstdarstellung.

Sie liefern das Stichwort selbst: Dandy. Sind Sie nun einer? Haben Sie schon früh mit Ihrem Erscheinungsbild – Schnurrbart, Halstuch, Zigarre – so eine Art Kunstfigur geschaffen?

Das hat alles andere Gründe. Den Schnurrbart habe ich mir vor 45 Jahren wachsen lassen nicht als Ausdruck eines bestimmten Stils, sondern weil ich mir eingebildet habe, dass der Abstand zwischen meiner Nasenwurzel und meiner Oberlippe zu kurz sei. Mit dem Schnurrbart vergrößere ich das. Und das Tragen der Tücher macht mir Spaß, ist aber auch Spleen geworden und Aberglauben. Ich war seit 50 Jahren nicht erkältet. Übrigens trug ich schon Anzug und Krawatte, als ich früh mit Punkbands herum gezogen bin. Ich wollte eigentlich nur nicht auffallen.

...ein Tarnanzug.

Durchaus. Und wenn ich heute diese Hosen und das Jackett trage, dann hängt das damit zusammen, dass das vernünftige Wollstoffe sind, und dass es etwas Wunderbares ist, ein gutes Stück Handarbeit am Leib zu tragen. Aber das nach außen Dasein, was ja ein Dandy betreibt – ein Dandy versteht sich als getragenes Gedicht – das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Ich habe diese Klamotten an, ob ich in Patagonien eine Schaffarm besuche oder in New York in ein Konzert gehe. Ich bin allenfalls heikel, was Materialien und das Zusammenspiel von Materialien betrifft, geradezu ein Fetischist! Der Auftritt nach außen ist mir aber völlig egal.

Zeigt sich Ihr Materialfetischismus in Ihrer Kunst?

Im Gegenteil: In der Fotografie bin ich durchaus schlampig mit Material. Es geht um Konzept. Präzise bin ich bei der Schreiberei. Da bin ich schon fast geplagt, den richtigen Rhythmus und das richtige Wort zu finden. Schreiben ist ein vom Intellekt überprüfbarer Prozess, im Unterschied zum Malen zum Beispiel.

War das Projekt „A Statement a Day“ (1976) eine frühe Übung auf diesem Wortweg?

Das war der Versuch, mich zu einer gewissen Disziplin zu zwingen. Dass ich einfach irgendeine Form von irgendetwas täglich zum Ausdruck bringe. Denn ich war lange nicht in der Lage, überhaupt etwas zu machen.

Dennoch haben Ihre Performances Themen: Gehen, Schreiben, Lächeln, Zeit...

Egal was es ist: Immer wieder staune ich über die Produkte, die mir geschehen sind. Sie sind wie Pilze, die aus dem Boden schießen, wenn die Feuchtigkeit, die Temperatur und die Symbiose mit irgendwelchen Bäumen stimmen. Sie sind Ausdruck einer Auseinandersetzung mit der Zufälligkeit meines Vorhandenseins auf diesem Planeten und dem Gang durch diese 30 bis 40 000 Tage. Die Dinge kommen auf mich zu. Ich habe mich nie darum beworben, einen Spielfilm zu machen. Ich wollte nie ein Popstar werden. Ich habe auch nie daran gedacht, in einem Museum auszustellen, auch wenn ich es dann eitel als durchaus angenehm für mich empfand.

Neben Zufall ist Spieltrieb entscheidend für Dinge, die Ihnen passieren, oder?

Spieltrieb ja. Das ist eigentlich sehr richtig für mich. Dass ich mich auf ein unbekanntes Gebiet begebe, um mich dort zu überprüfen. Um in der Begegnung mit dem Unbekannten etwas zu lernen über mich. Am besten vergleicht man das vielleicht mit einem Bergsteiger, der durchaus nicht ein Leben lang ein Dilettant bleibt. Aber das Beherrschen einer bestimmten Route ist ein Grund, sie nicht mehr zu klettern. Auch ich will den nächsten Berg besteigen. Das Ganze ist ein permanenter Lernprozess. Ein Prozess des Erkennens, wer ich bin. Das Erkennen dieser Person als Teil des Erkennens der Welt.

Was haben Sie denn aus der Popmusikwelt für die Kunstwelt gelernt?

Dass Erfolg etwas durchaus Gefährliches sein kann. Wir, der Boris Blank und ich (YELLO), haben wie kleine Kinder in einem Sandhaufen versucht, unsere Sandburgen zu bauen. Der Erfolg bringt es mit sich, dass man wie das Girl im James Bond, deren Körper mit Gold bestrichen worden ist, nicht mehr atmen kann. Es ist ganz schwierig, sich die Freiheit, die man vor dem Erfolg hatte, wieder zurück zu erobern. Dass man sich nicht unmerklich selbst zensiert.

Wie konnten Sie denn Ihre freie Haltung wieder zurück gewinnen?

Ich sehe tatsächlich das Gespräch mit Ihnen oder mit irgendjemandem oder das Herumklimpern auf einer Gitarre genauso als Ausdruck eines Ganges wie ein so genanntes Werk. Wenn ich mir überlege, warum ich eigentlich so gern Spielfilme mache, dann aus dem ganz wichtigen Grund. Spielfilmmachen ist für mich Glück. Es ist nichts anderes, als mit Freunden über den Atlantik zu segeln. Man ist auf dem Wasser, ist mit dem Segeln beschäftigt und muss ständig irgendwelche Entscheidungen fällen. Ich muss segeln, weil der Wind bläst, und es das Ende des Zweifelns bedeutet.

Im Verlauf unseres Gesprächs habe ich verstanden, dass Ihr Leben ein einziges zufälliges und glückliches Pilzefinden ist. Dennoch: Hat es Sie eigentlich nie gejuckt, einmal eine Musikperformance zu machen, Musik und Kunst zu verbinden?

Nein. Eigentlich juckt mich überhaupt nichts. Auch wenn ich gefragt werde, was ich noch vorhabe – dann weiß ich das nicht. Ich weiß nicht, was dieses Leben, dieses Myzeliengeflecht, noch mit mir vorhat. Wenn ich Boris nicht getroffen hätte, hätte ich wahrscheinlich auch nie Musik gemacht.

Dieses Interview erscheint am 29. Juni in der Kunstbeilage oT/SZENE Hamburg, Schwerpunkt dieser Ausgabe: "Musik und Kunst"

Dieter Meier: WORKS 1969 − 2011 AND THE YELLO YEARS

in der Sammlung Falckenberg. Bis 11. September.

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