Louise Bourgeois - Norwegen

Louise Bourgeois’ Höllenfeuer in der Arktis

Ganz oben in Europa hat die norwegische Königin Sonja am 23. Juni Louise Bourgeois vorletzte Arbeit im öffentlichen Raum eingeweiht. Es ist ein Mahnmal zur Erinnerung an die Frauen, die dort vor rund 350 Jahren als Hexen hingerichtet worden sind, zugleich aber auch eines für all die Frauen, die heute noch unterdrückt werden. Clemens Bomsdorf war für art vor Ort und hat sich die Arbeit angeschaut.

Von der Barentssee weht es landeinwärts, so dass die gefühlte Temperatur in Vardø heute nur unwesentlich über Null Grad Celsius liegt. Ein Pavillon mit Außenwänden aus schwarz getöntem Glas bietet Schutz vor dem Wetter. Drinnen brennt gar ein Feuer. Es kommt aus der Sitzfläche eines Stuhls.

Drumherum ein rund ein Meter hoher Betonwall, um den herum wiederum sieben ovale Spiegel auf geschätzten fünf Meter hohen Stativen installiert sind. Ähnliche waren schon einmal zu sehen – vor elf Jahren in der Turbinenhalle der Tate Modern in London. Damals stellte die amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois dort aus. Im Mai vergangenen Jahres ist sie gestorben, und die großen Spiegel, der feuerspeiende Stuhl und der Wall bilden die Arbeit „The Damned, the Possessed and the Beloved“– das vorletzte Werk, das sie für den öffentlichen Raum schuf.

Mit dem Kunstwerk soll der norwegischen Hexenverfolgung gedacht werden. Denn während diese im restlichen Norwegen nicht üblich war, schloss sich die nordnorwegische Gegend der zentraleuropäischen Hysterie an. Im 17. Jahrhundert wurden dort oben mindestens 90 Menschen getötet, weil sie der Hexerei verdächtigt wurden. Die Arbeit von Bourgeois hat etwas Magisches – wo sonst kommt schon Feuer aus einem Stuhl, ohne dass dieser verbrennt. Die Spiegel – deren Anzahl die magische sieben ist – und der Wall betonen, dass der Sitz im Zentrum steht, schirmen ihn ab und vervielfachen ihn zugleich visuell. Es entsteht der Eindruck diese ewige Flamme brenne, weil etwas anderes ausgelöscht worden ist. In diesem Fall waren es die Leben der angeblichen Hexen.

Nur weniges kann so simpel und eindrucksvoll die Abwesenheit einer Person symbolisieren wie ein leerer Stuhl. Das hat Oslo erst Ende vergangenen Jahres bewiesen, als dort der Friedensnobelpreis gewissermaßen an einen leeren Stuhl vergeben wurde, weil China den Preisträger Liu Xiaobo gefangen hielt. Mit dem Stuhl in Vardø soll der Opfer der norwegischen Hexenverfolgung gedacht werden. Der Bau und das Werk sind Teil des so genannten Touristroutenprojektes, das durch interessante Architektur den Blick auf die norwegische Provinz richten soll. Architekt und Pritzker-Preisträger Peter Zumthor hat den Bau des Monuments geplant.

"Was sie daran interessierte, war nicht nur, dass die meisten, die als Hexen verbrannt wurden, Frauen waren, sondern auch, dass was damals mit den Frauen geschah, auch heute in vielen Teilen der Welt Frauen angetan wird. Vielleicht werden sie nicht verbrannt, sondern gesteinigt oder ihnen wird Säure ins Gesicht geschüttet", sagt Bourgeois langjähriger Assistent Jerry Gorovoy um zu erklären, warum Bourgeois die Aufgabe angenommen hat, das Mahnmal zu erstellen. "Alles bei ihr hat eine doppelte Bedeutung", sagt er auch.

Natürlich konnte die vor einem Jahr Verstorbene es nicht ahnen, dass dieser Tage die doppelte Bedeutung ihrer Arbeit in erster Linie darin liegt, dass sie daran denken lässt, wie im 21. Jahrhundert auch in der so genannten westlichen Welt in besonderer Weise gilt "It`s a Man`s World". Denn zum Zeitpunkt der Abreise nach Vardø sind männliche Spitzenpolitiker seit Tagen eines der bestimmenden Themen in der internationalen Presse. So auch bei den Medien am Osloer Flughafen: Dominique Strauss-Kahn, kurz DSK, festgenommen wegen Vergewaltigungsvorwürfen; Arnold Schwarzenegger, oft verniedlichend Arnie genannt, hat seine Frau über Jahre hinweg mit dem Kindermädchen betrogen und mit dieser auch Nachwuchs – dazu steht das Neueste in der einschlägigen Klatschpresse sowie in seriösen Blättern an den Kiosken am Reisetag Mitte Mai.

Da passt es, dass die Reise zu Louise Bourgeois' vorletztem Werk für den öffentlichen Raum führen soll. Sie und Niki de Saint Phalle sind wohl die bekanntesten Künstlerinnen, die sich am eigenen Vater, an der Vaterfigur und der Männlichkeit abgearbeitet haben. (Inzestuöse) Vergewaltigung und das Kindermädchen als jahrelange Zweitfrau – gemeinsam kommen die beiden Künstlerinnen auf eine Geschichte, die den aktuellen Schlagzeilen ähnelt.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" wirft DSK und das ihm vorgeworfene Vergehen mit Arnies Fehltritten sowie außerehelichen Liebschaften diverser Spitzenpolitiker in einen Topf, als seien mutmaßliche Vergewaltigung und Fremdgehen das gleiche. Immerhin haben die Autoren recht, wenn sie meinen, dass es sich nicht um sexuelle Abenteuer und Seitensprünge auf Augenhöhe handelte, sondern der Mann der Machtvollere war und in beiden Fällen mindestens eine Frau die Leidtragende. Nein, das Leiden dieser Frauen, ist nicht das einer Hexe, einer Ausgestoßenen, die getötet werden wird. Aber es ist eine Frau die leidet – wie bei Bourgeois oft thematisiert.