Car Culture/Fetisch Auto - Karlsruhe/Basel

Kultobjekt und Warenfetisch:

Vier Räder, ein Motor, ein Fahrer – seit 125 Jahren fahren nach diesem Prinzip Autos über unsere Straßen. Genug Zeit, dass Autos vom Gebrauchs- auch zum Kunstobjekt werden konnten. Zwei Ausstellungen in Basel und Karlsruhe über die Kunst im, am und vom Automobil.

Das Auto hat die Welt verändert. Nun feiert es seinen 125. Geburtstag – und kommt ins Museum. Nicht ins Automobilmuseum wohlgemerkt: ins Kunstmuseum. Und das gleich in zwei unterschiedlichen Ausstellungen.

Ob das ein eher schlechtes Omen für des Bundesbürgers liebstes Spielzeug ist, sei dahingestellt. Die Schau "Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich" im Basler Museum Tinguely verkündet jedenfalls nicht das Ende des Autos. Sie begreift es sogar als das "wichtigste Kulturgut des 20. Jahrhunderts" und führt es – ästhetisch und kritisch – als "Kult-Objekt" und "Imaginationsmaschine" der Kunst vor. Ob als Warenfetisch oder Ersatzwohnzimmer, ob religiös verehrt oder erotisch aufgeladen, ob im Rauscherlebnis der Geschwindigkeit oder im Trauma des "Crash" – ein Auto ist mehr als ein Fortbewegungsmittel.

Wo es um die Folgen einer allgemeinen "Mobilmachung" geht, darf der italienische Futurismo nicht fehlen. Hier wird die Geburt eines Kentaurs gefeiert, eines hybriden Wesens aus Mensch und Maschine. Seither jagen Herren flott dahin, berauscht von der Geschwindigkeit ihrer nach Benzin riechenden Geliebten, die sie für schöner halten als die Nike von Samothrake. Kein Wunder, wenn Mel Ramos 1964 – voller Ironie – eine nackte "Kar Kween" malt, die sich lasziv an eine phallische Zündkerze schmiegt.

Überhaupt ergibt sich kunstintern manch überraschende Verbindung: Etwa wenn Giacomo Balla 1913 die Geschwindigkeit als Abstraktion eines vorbeisausenden Wagens malt und das Motiv, ganz anders aufgefasst, 1964 in Gerhard Richters "Zwei Fiat" wiederkehrt.

Die automobile Zukunft begann mit einem Unfall. Der Oberfuturist Filippo Tommaso Marinetti fuhr in den Graben. Also macht Andy Warhol 1962 aus dem Verkehrsunfall einen "Optical Car Crash", der auch das Auge traumatisiert. Wie der reale Schrecken aussieht, zeigen die Unfallfotografien von Arnold Odermatt oder die anonyme Aufnahme von James Deans zertrümmertem Porsche. Man sieht: Die Beziehung der Kunst zum Automobil ist ebenso euphorisch wie pessimistisch. Mal glänzt das Blech verführerisch, mal hat es den Scha­den. Der Rest ist Schrott. Im Fall von John Chamberlains Assemblagen ist sogar der noch schön.

Wo es ums Auto geht, kann es aber nicht nur um Kunst gehen. Deshalb versucht das ZKM in Karlsruhe die Perspektive zu erweitern. Mit "Car Culture" will man über eine zeitgenössische Kultur der Mobi­lität nachdenken und nicht nur körperliche Erfahrung und künstlerische Reflexion betrachten. Aus Anlass des "Automobilsommers Baden-Württemberg 2011" greift die Schau "die materielle und physische Mobi­lität des Körpers durch das Auto", aber auch "die immaterielle Mobilität der Zeichen" auf, wie sie durch Telegrafie, Telefon, Radio, Television und vor allem durch das Internet entstanden ist. Womit deutlich wird: Die Zukunft der Selbstmobilität hat gerade erst begonnen. In Basel und Karlsruhe kann man sehen, was Kunst- und Mediengeschichte dazu beitragen können.

Die Ausstellung "Car Culture" läuft bis zum 8.1.2012 im Medienmuseum Karlsruhe, die Ausstellung "Fetisch Auto" bis zum 9. Oktober 2011 im Museum Tinguely in Basel.

Der Katalog „Fetisch Auto“ ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet 48 Euro.

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