Anselm Reyle - Kopenhagen

Koons gecrasht

In Dänemark ist die größte Museumsausstellung von Anselm Reyle seit Zürich 2006 zu sehen. Der Künstler zeigt Schrott, glänzende Bronze und DDR-Fassaden. Der Kitsch-Vorwurf schwingt immer wieder mit. Bei einem ersten Rundgang klärte er über seine Produktionsmethoden auf. Clemens Bomsdorf war für art dabei.

Gelobt sei die Ehrlichkeit mancher Kuratoren. "Ich möchte sie nicht beleidigen, aber für mich sehen diese Werke aus wie jene, die in Donald Duck Comics als Moderne Kunst rumstehen", so Dorthe Juul Rugaard. Anselm Reyle, Urheber der Arbeiten neben denen sie gerade steht, missfällt der Gedanke nicht.

Er weist lediglich darauf hin, dass er diese nicht nur als ironisch verstanden wissen möchte. Es sind etwas über ein Meter hohe Skulpturen, abstrakt geformt, in etwa so, als seien Lehmquader gestapelt, bearbeitet und um andere Formen ergänzt worden.

So ungefähr sind diese Arbeiten, die im zentralen Raum seiner Museumsausstellung in Arken vor den Toren Kopenhagens zu sehen sind, auch entstanden. Reyle erzählt, wie er die Form relativ schnell aus einer Masse erstellt habe. "Dann begann erst die zeitaufwendige Arbeit", so der in Berlin lebende Künstler. Bei vielen seiner Arbeiten ist wie bei diesen auch genau das der Zeitpunkt, wo Reyle an einen seiner vielen Assistenten übergibt. Der 1970 Geborene gehört zu jenen Ausnahmekünstlern, die wie die Alten Meister etliche Erfüllungsgehilfen beschäftigen, die die Gedanken des Meisters in die Tat umsetzen oder zumindest zu Ende bringen. Nur so schafft Reyle es, solch aufwendige Arbeiten zu produzieren und gleichzeitig die ungeheure Nachfrage zufriedenzustellen.

Was Reyle im Kunstmuseum Arken zeigt, sind überwiegend neuere Arbeiten, also nicht jene Streifenbilder, die ihn berühmt gemacht haben. Stattdessen allenfalls deformierter Kitsch also. Skulpturen etwa, die von Glanz und Farbe her an die "Ballon Dogs" von Jeff Koons erinnern, aber aufgrund ihrer abstrakten Form nur mittels eines Crash aus diesen entstanden sein könnten. Die Skulpturen sind aus Bronze gegossen und dann umfangreich bearbeitet worden. Sie stehen teils auf flachen, quadratischen Sockeln und sind unglaublich schwer. So schwer, dass sie Rollen haben, die mit einem Trickmechanismus aus dem Sockel ausgefahren werden können. Reyle ist sich nicht zu schade dafür, solch anscheinend profane Dinge über seine Werke zu erzählen, und das macht es spannend, ihm beim Durchgang durch die Ausstellung zu zuhören. Er scheint lieber über technische Details seiner Arbeiten zu reden als über eine etwaige Bedeutung von deren Ästhetik. Als Museumsdirektor Christian Gether anlässlich des hölzernen Wagenrads, das den Besucher direkt nach dem Betreten der Ausstellung begrüßt, ein spontanes Kurzreferat über die Bedeutung des Rades hält, startet Reyle daraufhin keine Diskussion, sondern begnügt sich mit einem "Thank you.".

Wenig später erzählt er, wie er per Zufall in einem Geschäft die Folie entdeckte, die zum wesentlichen Material einer untitulierten Arbeit wurde, die jetzt in Arken hängt. Genauer gesagt ließ er dann eine andere Folie besorgen, die haltbarer war. Diese ließ er in aufwendigen Arbeitsschritten, die dem Werk aber nicht anzusehen sind, gelb und lila bemalen. Wie Reyle da so neben dem Werk steht, fällt auf, dass sein T-Shirt ebenfalls lila ist und das Markenzeichen auf seinen Turnschuhen gelb. Er passt bestens in die eigene Ausstellung.

Schön, dass er so lässig gekleidet ist. Doch irgendwie wirkt die Schau sehr steril, museal. Eigentlich zu museal für einen Künstler, der im Pressematerial immerhin als "jung" angekündigt wurde (dabei ist er 1970 geboren und nicht erst zehn Jahre später). Die schweren Bronzeskulpturen sind perfekt mit Punktstrahlern beleuchtet, ebenso die Bilder an den eigens für die Ausstellung dunkelgrau gestrichenen Wänden. Die Schrotthaufen, die Reyle aus Sperrmüll in der Kopenhagener Gegend zusammengebaut hat, wirken so, als wäre jedes einzelne Stück Müll vor dem Aufstellen nochmal gewaschen und desinfiziert worden. Der Künstler räumt selber ein, dass er etwas überrascht war, wie gut das alles hier aussah. Arken hat vor ein paar Jahren einen Anbau erhalten, anders als der ursprüngliche Kern des Museums mit viel Sichtbeton sind die dortigen Räumlichkeiten irgendwo zwischen klassischem White Cube und Showroom angesiedelt. Doch diese Zwiespältigkeit passt dann wieder ganz gut zu Reyle und seinen Arbeiten.

Absoluter Höhepunkt ist das Werk Wernigerode. In dem gleichnamigen Ort in Ostdeutschland entdeckte Reyle die hellblaue kunststoffartige Fassade eines Hauses. Bei näherem Hinsehen ist ein sich wiederholendes kleines Muster zu erkennen. Es muss schrecklich ausgesehen haben – ein Haus, dessen Antlitz so verschandelt wurde. Das lässt auch das nur im Katalog abgedruckte Foto erahnen. Es wurde dann daraus eins von Reyles Fassadenbildern. Er demontierte die Fassade, entfernte die Spitze, so dass nur ein großes schätzungsweise zehn mal drei Meter großes Rechteck blieb, das wurde von einem Rahmen, der nach gebürstetem Aluminium aussieht, umrissen und aufgehängt. Ready Made a la Reyle – plötzlich bekommt diese Fassade Würde.

Als Kontrastprogramm wartet außerhalb des Museums der helle Sandstrand mit der kühlen Ostsee, und im nahen Kopenhagen zeigt Reyles lokale Galerie Andersen S zeitgleich mit der Museumsausstellung eine Verkaufsshow.

Anselm Reyle

bis 14. August
http://www.arken.dk