Dürer - Cranach - Holbein - Wien

Entdeckung des Menschen

Die erste große Überblicksschau über das deutsche Porträt um 1500 zeigt den schonungslosen Realismus der um 1500 entstandenen Bilder

Die erzherzögliche Zackenkrone war schlicht erfunden, der starre Gesichtsausdruck dagegen bittere Realität: Der Habsburger-Herzog Rudolf der IV., auch der Stifter genannt, litt an einer beginnenden Gesichtslähmung, als ein heute unbekannter Künstler um 1360 sein Porträt malte. Verwahrt im Wiener Dommuseum, gilt es als ältestes Porträt des Abendlandes – und ist nicht nur deshalb logischer Ausgangspunkt für die erste große Überblicksausstellung über das frühe deutsche Porträt.

Es weist auch bereits auf dessen charakteristischste Eigenheit hin: Den „schonungslosen Realismus“, der deutsche Auftraggeber um 1500 „offensichtlich nicht gestört“ hat, so Kunsthistoriker und Kurator Karl Schütz.

Nein, er scheint regelrecht verlangt worden zu sein, galt wie ein Markenzeichen. Anders kann man es sich auch nicht erklären, dass Albrecht Dürer nicht sofort von seinem Modell Johannes Kleberger 1526 dahingemeuchelt wurde – obwohl Kleberger Schwiegersohn eines Humanisten, Willibald Pirckheimer, war. Und auch dass Hans Holbein der Jüngere 1537 die wenig schmeichelhaft porträtierte Jane Seymour, die dritte Ehefrau Heinrich VIII., um immerhin sechs Jahre überlebte, erscheint wie ein Wunder. Doch in der Zeit zwischen Spätgotik und beginnender Neuzeit feierten deutsche Maler „Die Entdeckung des Menschen“, die Entdeckung der Zeitgenossen, mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen und großer Lust an Authentizität. Da wurden nicht nur Fürsten, sondern auch das „einfache Volk“ bildwürdig, denkt man etwa an Dürers Kopfstudie einer „Lachenden Bäuerin“.

Diese „gewaltige Entwicklung“ stellt Schütz mit über 130 Gemälden, Plastiken, Grafiken, Münzen und Medaillen rund um die Titel gebenden Hauptmeister „Dürer – Cranach – Holbein“ dar. Für die zweite Station, die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München im Herbst, wird dieser Rahmen sogar noch erweitert. Die Leihgeberliste kann hier wie dort beeindrucken: Neben Basel, Berlin, Wien und Hamburg stehen auch London und New York auf der Liste. Aus der National Gallery in London kommt Dürers frühe Kohlezeichnung des eigenen Vaters, aus dem Metropolitan Museum reist ein frühes Holbein-Porträt an.

Dürer – Cranach – Holbein

Wien, Kunsthistorisches Museum, Termin: bis 4. September 2011; Danach ist die Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München zu sehen. Termin: 16. September 2011 bis 15. Januar 2012

Der Katalog erscheint im Hirmer Verlag zum Preis von 39,90 Euro