Ars 11 - Helsinki

Schillernd schön

300 Arbeiten afrikanischer Künstler von fantastischer Qualität verbinden sich zu einer maßstabsetzenden Schau

Bei der Vernissage von "ARS 11" lag Barthélémy Toguo als "Immigrant" im achtstöckigen Hochbett "Climbing Down", einem beängstigend hohen Turm und temporären Zufluchtsort, und aß "Negerküsse".

Sie heißen jetzt auch in Finnland "Schokoküsse", und die Abbildung auf der Verpackung hat sich geändert: ein schwarzes Paar, die Kuss-Lippen weniger wulstig als zuvor, und statt Bast- trägt die Dame nun Minirock.

Die Wahrnehmung von Afrika und zeitgenössischer Kunst zu ändern versprachen Kiasma-Museumsdirektorin Pirkko Siitari und die Kuratoren Arja Miller und Jari-Pekka Vanhala. Das ist ihnen in ihrer Schau mit über 30 Künstlern und 300 Arbeiten von fantastischer Qualität gelungen. Sie reduziert den Blick nicht auf "schwarze" Künstler – wie etwa 2004 "Afrika Remix" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast. Sie verschränkt nicht ethnologisch Wissenschaft und Kunst – wie derzeit "Afropolis" im Iwalewa-Haus in Bayreuth. Und sie führt noch nicht einmal "Afrika" im Titel, als müsse man sich des exotischen Themas noch einmal selbst versichern. "ARS 11" zeigt zeitgenössische Kunst mit ungewöhnlich feinsinnigen thematischen Bezügen. Sie sind leicht nachzuvollziehen, man kann also angenehm entspannt durch diese sachliche, sehr schöne Ausstellung gehen.

Ein Thema sind Farben und Ästhetik – in Odili Donald Oditas "Time Curve" etwa, einem vor Ort ausgemalten Raum, der grell-bunt kulturelle Signifikanz demonstriert. Baudouin Mouanda zeigt mit "Sapeurs" dandyeske, stolze Europa-Heimkehrer in farbenfrohen Zwei- und Dreiteilern. Schillernd schön verarbeitete El Anatsui Flaschenverschlüsse zu nomadisch-fließenden "Kente-Stoffen".

Thema sind außerdem Frauen: Mary Sibandes Figur Sophie als "Königin" auf einem sich bäumenden Pferd korrespondiert mit dem bronzenen Reiterstandbild des Staatsmanns Carl Gustav Mannerheim vor dem Museum. Themen sind auch AIDS und westlicher Helferwille: Rotimi Fani-Kayodes Fotos zeigen den männlichen Körper in Yoruba und christlicher Ikonografie. In Fotografie und Film verteilt Elina Saloranta als Nonne verkleidet in Sambia Kondome, inspiriert von Archivbildern aus dem finnischen Missionsmuseum.

Das Thema Handel beleuchtet Vincent Meessen in einem Kostüm aus Baumwollblüten in den Straßen von Ouagadougou, begleitet von einer Kamera – und Zurufen von Passanten: "„Ah, das weiße Gold!". Historisch und politisch aktuell sind Andrew Putters Geschichte und Fantasie vermischende Einwandererbilder sowie Samuel Fossos Selbstporträts als "African Spirits": schwarze Persönlichkeiten, keine afrikanischen Immigranten, in einer maßstabsetzenden Afrika-Kunst-Ausstellung, die sich von Helsinki aus über Satellitenausstellungen in Turku und verschiedene kleinere finnische Städte bis ins schwedische Stockholm erstreckt.

ARS 11

Helsinki, Kiasma; Termin: bis 27. November; Der Katalog kostet im Museum 38 Euro




http://www.kiasma.fi/ars11